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03Aug/15

Geh deinen Weg, mein Schatz, aber geh ihn in deiner Geschwindigkeit

Hilf mir es selbst zu tun

In gut einer Woche ist es soweit: Nepomuk wird EIN Jahr und verlässt damit offiziell die sehr aufregende und spannende Babyzeit. Die letzten Wochen waren sehr aufregend für mich, denn Nepomuk hat wahnsinnig viele Entwicklungsschritte gemacht. Da ich mich seit Monaten hinsichtlich der „Erziehung“ stark im Hintergrund halte, freut es mich natürlich umso mehr zu sehen, dass Nepomuk weder Anweisungen noch Anreize benötigt, um jeden Tag, jede Woche neue Dinge zu entdecken.

Ich habe heute ein tolles Zitat von Maria Montessori gefunden und ich finde es passt so super zu der Entwicklung der letzten Wochen und Monate und vor allem spiegelt es unser Mutter-Kind-Verhältnis wieder. War ich am Anfang noch sehr „frühfördernd“ unterwegs, so habe ich Anfang des Jahres erkannt, dass das überhaupt keinen Sinn macht. Ich habe mir Bücher von Emmi Pikler und Maria Montessori gekauft, bin Mitglied in verschiedenen Montessori- und Pikler-Gruppen bei Facebook geworden und habe mich für einen Pikler-Kurs angemeldet. Und je tiefer ich mich in die Konzepte einlas, umso überzeugter wurde ich von den Grundgedanken der beiden Frauen.

Beobachten statt animieren

Am Anfang hatte ich immer das Gefühl Nepomuk bespaßen zu müssen. Mit ihm zu spielen oder ihn zu unterhalten. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das auf Dauer nicht schaffe. Immer um ihn herumzuschwirren wollte ich nicht und konnte ich nicht. Der Kleine war ca. vier Monate, als ich begann an solchen Konzepten wie PEKIP zu zweifeln und mich von der Illusion der allgegenwärtigen Mutter verabschiedete. Durch Zufall bin ich auf Maria Montessori und später auf Emmi Pikler gestoßen. Dort habe ich zum ersten Mal davon gehört, dass es wichtig ist, Kinder einfach nur zu beobachten und sie in ihrer vorbereiteten Umgebung konzentriert spielen zu lassen.

Ich habe es ausprobiert und war überrascht, dass sich Nepomuk auch mit sich selbst beschäftigen kann. Es gab dann Tage, da saß ich einfach nur am Boden habe Tee getrunken und eine halbe Stunde Nepomuk einfach nur beobachtet. Nur durch die Beobachtung ist mir aufgefallen, wie konzentriert der Kleine im Spiel ist. Er ist mittlerweile so vertieft, dass er gar nicht mitbekommt, wenn ich ins Zimmer komme oder an ihm vorbeigehe. Früher hätte ich ihm kurz gesagt, dass er so toll spielt oder das er etwas fein gemacht hat, heute verbiete ich mir jegliche Kommentare. Ich lasse ihn auch bewusst allein im Wohnzimmer spielen und mache in der Küche mein Ding. Wenn es zu still wird oder ich einfach mal nachschauen möchte, schleiche ich mich ran und spieke um die Ecke.

Was ich dann sehe, ist eigentlich immer das gleich Bild: Nepomuk sitzt mit irgendeinem Spielzeug da und redet vor sich hin, der Kopf ist dem Spielzeug zugewandt und für was anderes ist kein Interesse da. Es mag jetzt doof klingen, aber solche Momente machen mich glücklich. Sie zeigen mir, dass wir auf einem guten Weg sind. Nepomuk fühlt sich nicht allein, wenn er allein im Zimmer ist. Manchmal glaube ich sogar, dass er sehr froh ist, wenn die Mutti mal nicht um ihn herumschwirrt. Ich denke auch nicht, dass ich Nepomuk irgendeiner Gefahr aussetze, wenn ich ihn alleine im Raum lasse. Wir haben keine Gefahrenherde wie offene Steckdosen oder Blumen oder Dinge, die er runterziehen könnte und durch unser Ausmisten im Frühjahr haben wir viel Platz für ihn geschaffen.

Das Vertrauen wächst mit

Ich war in vielen Babykursen und Stilltreffs und dabei habe ich oft Mütter erlebt, die ihre Kinder als kleine Dummerchen behandelt haben. Natürlich haben sie es nicht böse gemeint, aber sie haben entweder den Kindern vorgemacht, wie sie zum Beispiel krabbeln und Höhen überwinden können oder sie haben sie von Selbstversuchen abgehalten, um ihnen ein Fallen zu ersparen.

Durch das Lesen und vertiefen in die Montessori/Pikler-Konzepte habe ich gelernt Vertrauen in Nepomuk zu haben. Je mehr ich mich als „Entertainer“ und „Trainer“ zurückgezogen habe, desto stärker wurde mein Vertrauen in ihn. Und für mich gibt es seitdem immer wieder Momente, wo ich einfach immer nur sagen kann: Ja, er weiß wie es geht. Ich muss ihm nur die Zeit und den Raum geben, dass er sich testen kann.

So hat Nepomuk ganz allein verstanden, wie er niedrige Höhen überwindet und wie er größere Höhenunterschiede schafft. Das er geringe Höhen mit den Händen ertastet und dann mit dem Kopf zuerst nach unten geht, hat er schnell rausbekommen. Das er bei Höhen wie vom Bett runtersteigen oder Treppen runterkrabbel zuerst die Beine absetzten muss, hat er nach einiger Zeit allein rausgefunden – ohne das ich es ihm irgendwie zeigen musste. Sicher lernen Kinder es früher, wenn man es ihnen zeigt, aber das kann nicht der Sinn des Lebens sein. Kinder müssen aus meiner Sicht selber ihre Erfahrungen machen, das geht aber nur, wenn wir ihnen Zeit lassen.

Der innere Zeitplan

Entgegen meiner frühen Denkweise, dass Kinder schon in den ersten Wochen und Monaten gefördert werden müssen, bin ich jetzt der Meinung, dass es für die Kinder besser und nachhaltiger ist, wenn sie selbst über die Geschwindigkeit ihrer Entwicklung entscheiden. Ich sehe jeden Tag wie Nepomuk sich entwickelt. Oft sind es nur kleine Schritte, aber die fügen sich wie von selbst in ein Gesamtbild, was oft in der „fördergetriebenen Zeit“ übersehen wird. Nepomuk lernt von allein Dinge in einander zu stapeln und macht das mit einer Hingabe, dass er manchmal nichts anderes zu spielen braucht, als die einfachen Stapelbecher, die ich vor Weihnachten bei dm gekauft habe.

Seit circa zwei Wochen räumt er nun mehr nicht nur sein Zeug aus, sondern auch wieder ein. In den Babykursen stehen oft leere Flaschen in Getränkekästen, die die Kinder dann rausziehen. Letzte Woche ist mir das erste Mal aufgefallen, dass Nepomuk die Flaschen nicht nur ausräumt, sondern wieder einräumt. Mir geht bei solchen Beobachtungen das Herz auf, weil ich sehe, dass er von alleine wieder etwas gelernt hat und das dies sicher wieder eine Basis für andere Schritte ist.

Von freien Schritten ist er hingegen noch weit entfernt, ebenso vom freien Stehen. Das ist für uns aber völlig in Ordnung. Zur Taufe haben wir einen Lauflernwagen von HABA geschenkt bekommen. Der stand monatelang nur im Wohnzimmer, bis Nepomuk irgendwann anfing Stühle, Wäschekörbe und Kartons durch die Wohnung zu schieben. Irgendwann entdeckte er den Lauflernwagen, erst saß er nur daneben und fuhr immer wieder hin und her, schaute sich die Räder an, dann kletterte er auf den Wagen und irgendwann erkannte Nepomuk, dass er den Wagen auch schieben kann. Das alles hat sich über zwei Wochen gestreckt, wir haben ihm nicht gezeigt, wie er mit dem Lauflernwagen vorwärts kommt, sondern einfach alles auf uns zukommen lassen.

So handhaben wir es auch mit dem Stehen und Laufen. Wenn ich manche Kinder sehe, die von ihren Eltern geführt werden, so sieht man, dass die Kinder gar nicht schauen, wo sie hinlaufen. Sie verlassen sich vollkommen auf die Eltern und das immer jemand da ist, der sie auffängt, wenn sie stolpern. Ich selbst merke die „falsche Sicherheit“, wenn ich Nepomuk zu oft stütze. Er wird dann nachlässig und passt nicht mehr auf. Es dauert dann immer etwas, bis Nepomuk sich dann wieder bewusst wird, dass er eigentlich schon gut stehen und sich festhalten kann. Ich möchte, dass Nepomuk sich bewusst wird, dass nur er entscheiden kann, wann er bereit für das Stehen und Laufen ist. Ich persönlich habe keine Eile was diese Schritte anbelangt. Ich vertraue Nepomuk absolut und ich glaube die Freude ist umso größer bei ihm, wenn er es aus eigener Kraft schafft.

Das erste Babyjahr mag nun bald rum sein, aber der Kleine wird noch soviel lernen, sehr oft Dinge das „erste Mal“ tun und immer wieder vor Herausforderungen stehen. Ich kann meinem Sohn das Leben nicht vorleben oder ihm Erfahrungen ersparen, aber ich kann ihn immer begleiten und ihm das Gefühl geben, dass ich immer an ihn glaube.

Und somit schließe ich den Beitrag nochmals mit dem Zitat von Maria Montessori:

„Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir Fehler und Anstrengung zu, denn daraus kann ich lernen.“