Das Recht auf Kindheit

Durch Zufall bin ich heute bei der Zeit auf einen Artikel gestoßen, der mich wirklich bewegt hat. In dem Artikel geht es um eine Fotostrecke von Loretta Lux, die Kinder in   bürotauglichen Kostümen oder Anzügen zeigen. Die Kinder werden von den Eltern in vorgedachte Rollen gepresst: Abitur. Studium (natürlich in Harvard). Trainee Programm bei einem Global Player … Dinge, die die Eltern vielleicht nie erreicht haben und das nun von ihren Kindern erwarten. Eltern, besonders die mit einem schwachen Selbstwertgefühl kommen auf die abstruse Idee, sich über ihre Kinder zu definieren. Die Kinder bekommen die Last der Eltern aufgebürdet.

Damit das Kind die Bürde tragen kann, müssen die Eltern natürlich dafür sorgen, dass das Kind systematisch auf das bessere, größere Leben vorbereitet wird. Nichts wird dem Zufall überlassen. Schon im Bauch wird das Baby mit Mozart beschallt, kaum auf der Welt beginnt die Frühförderung und wehe, dass Kind dreht sich mit sieben Monaten immer noch nicht auf den Bauch, dann wird von der PEKiP Leiterin mit ernster Miene erklärt, dass dies Auswirkungen auf die Hirnentwicklung hat. Und so zieht sich das durch: Tag für Tag, Jahr für Jahr. Das Kind Kind sein lassen? Unmöglich.

Der Autor des Zeit-Artikels legt den Finger in die offene Wunde vieler Eltern: Wir lassen unsere Kinder nicht im hier und jetzt sein, sondern schieben es in Richtung Zukunft. Und das, obwohl Buddha ja schon gesagt hat: „Verweile nicht in der Vergangenheit, träume nicht von der Zukunft. Konzentriere dich auf den gegenwärtigen Moment.“ Ich denke nicht, dass Buddha sich nur an Menschen gewandt hat, die über 18 waren. Der Autor schreibt absolut richtig:

„Tausend Berufe sind denkbar, die ganze Welt ist eine Option. Trotzdem – oder gerade deshalb – neigen Eltern dazu, ihre Kinder in Formen zu pressen, ihr Schicksal vorauszuplanen, ihnen Wege zu ebnen: Keine Synapse verkümmern lassen! Frühzeitig Talente fördern! Und auf jeden Fall das Abi schaffen! Was Kinder heute tun, muss sich morgen auszahlen. Ist es nicht so? Groß ist der Drang, aus jeder Handlung eines Kindes gleich eine Prognose zu erstellen, alltägliches Tun und Lassen eines Kindes Kategorien wie „Gelingen“ und „Scheitern“ zu unterwerfen oder Zeit in „genutzt“ und „vertan“ einzuteilen.“

Obwohl mein Sohn morgen erst 9 Monate alt wird, kämpfen wir schon mit der Erwartungshaltung der Großeltern: „Kann er schon laufen?“, „Er muss bald laufen lernen, damit du ihn nicht immer ins 4. OG tragen musst.“, „Das Abitur meines Enkels möchte ich auf jeden Fall noch erleben.“, „Wenn er nur gut in der Schule ist und weiß wie wichtig lernen ist.“, „Du wirst sehen, in ein paar Jahren sieht das alles anders aus. Besser.“ – so geht das immer wieder. Mich nerven diese Aussagen, denn sie lassen eins nicht zu: Das mein Sohn eine unbeschwerte, freie Kindheit hat.

Ich wünsche mir, dass er seine Kindheit geniesst. Das er auf Spielplätzen rumspringt,  im Regen tanzt, Dreck in die Luft wirft und drunter durchrennt. Er soll auf Bäume klettern, sich Schrammen und blaue Flecke holen. Ich tröste ihn gern und verarzte ihn, denn ich bin seine Mutter. Ich möchte über hartnäckige Grasflecken und Löcher in der Hose vor mich hinschimpfen, denn dann weiß ich, dass mein Sohn seine Kindheit auslebt.

Er soll sich nicht um die Sorgen und Ängste der Zukunft scheren. Er soll einfach ein Kind sein, kein Produkt meiner Erwartungen und Ansprüche. Wenn er kein Abitur machen kann oder will, dann muss er es nicht. Ich habe auch keines und habe doch meinen Universitätsabschluss gemacht. Wenn er Schreiner, Bäcker oder Polizist werden möchte, dann soll er das tun. Den einzigen Wunsch, den ich an ihn habe: Er soll immer mehr dem Bauch, als dem Verstand folgen.

Ich halte es wie der polnische Arzt und Pädagoge Janusz Korczak und den für Kinder geforderten Grundrechten:

  • vom Recht des Kindes auf den heutigen Tag,
  • vom Recht des Kindes, so zu sein, wie es ist

Mein Sohn wird sich vielleicht oft wünschen, dass ich ihn vor Dingen beschützen kann oder für ihn Sachen wie Streitigkeiten erledige, aber das kann ich nicht als Mutter, eben weil ich seine Mutter und nicht sein Schutzschild oder Bodyguard bin. Nur wenn wir mal von einem Baum oder Rad gefallen sind, wissen wir, dass wir aufpassen müssen.

Ich, als Mutter, muss lernen mich zurückzunehmen. Das Leben ist Leben mit all dem Glück und den Schmerzen. Ich kann meinen Sohn aufmuntern und ihm gut zureden. Vor dem ersten Liebeskummer kann ich nicht bewahren, ebenso wenig wie vor Prüfungsängsten oder dem dicken Klaus aus dem Nachbarhaus.

Er wird seinen Weg gehen, wie jeder von uns seinen Weg gegangen ist. Das wir uns jetzt schon zurücknehmen und ihm bei manchen Situationen wie sich hochziehen oder in einigen Monaten das Laufenlernen nicht helfen, mag die eine oder andere Mutter nicht verstehen. Für mich ist das aber der Weg ihm schon früh zu signalisieren, dass er das Tempo seiner Entwicklung und seiner Kindheit bestimmt.

 

 

One thought on “Das Recht auf Kindheit

  1. Ach ja, wie bei meiner Nichte. Der hat die Lehrerin im ersten Schuljahr gesagt, dass sie niemals Abitur machen wird. Na und? Ihre Eltern haben weder Abitur noch studiert und haben trotzdem gute Arbeit und leben glücklich und zufrieden. (Mir haben sie übrigens im ersten Schuljahr erzählt, ich hätte unaufholbare Defizite in Mathe. Und was ist draus geworden? Eine Eins im Mathe-Leistungskurs im Abitur. :p)
    Ich habe den Artikel auch gelesen und fand ihn auch ziemlich gut. Ich habe dabei allerdings weniger an die überehrgeizigen Erfolgseltern gedacht, sondern daran, dass man heute so unglaublich viel „richtig“ machen muss, selbst wenn man keine Riesenkarrierevorstellungen für sein Kind hat. Das fängt ja schon in der ersten Sekunde der Schwangerschaft an. Womit man seinem Kind (laut irgendwelche Laienmeinungen) alles schadet! Dies geht nicht und das geht nicht und überhaupt sperrt man seine Kinder am besten auf Jahre zu Hause ein. Dann nerven sie auch nicht die alten Nachbarn und Mütter sollen ja sowieso ihr Leben mit Basteln und Vorlesen verbringen … (Oder Chinesisch lernen?)
    Ich meine, klar, als Elternteil hat man natürlich wahnsinnige Angst um sein Kind. Aber das wird einfach noch viel zu viel von der Gesellschaft geschürt. Wir haben als Kinder doch auch allen möglichen Unsinn gemacht und sind nicht daran gestorben. Im Gegenteil: Wir haben Erfahrung daraus gesammelt. Was soll aus der nächsten Generation werden, wenn sie nur noch in Watte gepackt aufwächst?

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