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28Feb/16

Warum wir unseren Sohn nicht mehr ins Bett bringen

Bis vor wenigen Wochen war unsere Abendplanung gleich derer vieler Eltern: Der Mann kam nach Hause, wir haben über den Tag gesprochen, er hat etwas mit Nepo gespielt und ihn dann zwischen 19:00 und 20:00 Uhr mit einer Flasche ins Bett gebracht. Vor einigen Monaten hat das alles noch super funktioniert und Nepo ist gleich eingeschlafen. Doch irgendwann wurde es zum Kampf und mal kam mein Freund nach einer halben Stunde wieder raus und ich bin rein, was natürlich überhaupt nichts gebracht hat – außer einem weinenden Kind und leicht frustriert-verzweifelten Eltern.

Als das „Zu-Bett-Bringen“ überhaupt nicht mehr geklappt hat, habe ich mit unserer Spielraum-Leiterin Silvia gesprochen. Wie jedes Mal kam sie während der Stunde zu mir, wie zu jeder anderen Mutter, und erkundigte sich nach unserem Befinden. Ich erzählte ihr, dass es uns nicht mehr gelingt Nepo ins Bett zu bringen und uns das den ganzen Abend über verfolgt. Sie meinte das sei sicher eine Phase, aber sie hätte auch noch einen Artikel für mich, den sie mir nach der Brotzeit gern geben würde.

Als Nepo dann nach der Stunde mit seinen Spielkameraden Brotzeit machte, gab mir Silvia den Artikel mit der genialen Überschrift: „Zen in der Kunst des Zu Bett Gehens oder: Die Mär vom Zu-Bett-Gehen“. Nach kurzem Googeln habe ich ihn hier gefunden. Ich muss zugeben, dass ich schon sehr darauf acht gebe, wer mir welche Tipps und Artikel gibt und aufgrund meiner Einstellung gegenüber Montessori und Pikler prallen sicher 80% aller „Ratschläge“ von mir ab. Silva, ebenso wie Bettina, unsere Spielraumleiterin bei der siaf sind aber Montessori- und Pikler-Pädagogen und ihren empfohlenen Artikeln schenke ich eben mehr Beachtung, als Müttern, die mir begeistert von irgendwelchen Schlafprogrammen erzählen. Aber ich denke da unterscheide ich mich nicht von anderen Müttern, die natürlich auch schauen, welche Empfehlungen sich mit ihren Einstellungen überschneiden.

Nun aber zurück zum Artikel. Wir waren dann nachmittags im Café Glanz, wo Nepo mich schlichtweg vergisst. Er hat dort seine vertrauten Gesichter in Form der Mitarbeiterinnen, es gibt dort zwei große Kisten mit Duplo und einer Brio Bahn und vor allem gibt es Kinder. Für mich also der ideale Zeitpunkt diesen Artikel zu lesen und ich kann jetzt schon sagen: Er hat bei uns ein Umdenken bewirkt.

In ihrem Artikel räumt die Autorin Naomi Aldort mit den allseits bekannten Überzeugungen auf, die auch wir teilweise hatten.

  1. Kinder müssen zu Bett „gebracht“ werden
  2. Eltern pflegen ihre Beziehung am Abend
  3. Die März vom „Zur-Ruhe-Kommen“
  4. Wie lange darf das Zu-Bett-Gehen dauern?
  5. Das Kind weiß, wann es müde ist
  6. Die Mär vom quengeligen Kind
  7. Die Mär vom „Wieder-munter-Werden“
  8. Die Kontrolle der Eltern

Nachfolgend möchte ich gern auf unsere Sicht der acht Punkte eingehen, da ich nicht nochmal die Sicht der Autorin wiedergeben will, denn die könnt ihr direkt im Artikel nachlesen.

Kinder müssen zu Bett „gebracht“ werden

Ja, dieser Ansicht waren wir auch lange. Während man den Neugeborenen noch zutraut, dass sie ihren eigenen Instinkt haben, was das Schlafen anbelangt, so versucht man schon bei drei- bis sechs Monate alten Kindern zumindest abends einen „Schlafrhythmus“ einzuführen. Die einen machen es über Schlafprogramme, die anderen mit Ritualen, der Flasche, mit Danebenliegen und und und. Bei uns war es immer die Flasche und die Ruhe des Papa, was mal mehr, mal weniger funktioniert hat. Letztendlich waren es aber immer wir, die bestimmt haben, wann Nepo ins Bett geht. Nämlich dann, wenn wir Anzeichen von Müdigkeit gesehen haben. Oft hat das auch funktioniert, genauso oft aber auch nicht.

Seit gut zwei Wochen haben wir aufgehört Nepo ins Bett zu bringen. Die einen mögen das mutig nennen, die anderen eine Kapitulation vorm Kind. Beides kann ich verstehen, denn es bricht mit den gängigen Regeln. Doch wie so oft haben wir auch beim zu Bett „bringen“ gemerkt, dass die gängigen Varianten bei uns nicht so funktionieren. Das Schlafen gehen ist bei vielen, wie so oft, ein Machtkampf zwischen Eltern und Kind, den ich nicht mehr bereit bin zu kämpfen. Ich halte nichts von Macht und muss sie schon gar nicht gegenüber meinem Kind demonstrieren. Ich bin hochsensibel und ich fühle mich nicht gut, wenn sich mein Kind in den Schlaf weint. Für mich ist es untragbar nach einem Streit oder traurig ins Bett zu gehen. Warum sollte ich das von meinem Sohn verlangen?

Nepo geht nun mit mir ins Bett und da ich gerade meinen Biorhythmus umstelle bzw. so lebe, wie er für mich am besten ist, bin ich immer sehr früh müde. In den letzten Tagen bin ich immer zwischen 20:00 und 21:00 Uhr ins Bett gegangen. Ich kann mich dann hinlegen, vor mich hindösen, über den Tag nachdenken. Ich bin abends so kaputt, dass ich irgendwann einschlafe. Meist spielt Nepo dann noch in seinem Bett, dass neben meinem steht, mit seinen Autos oder schmiegt seinen Kopf an meinen. Es kommt vor, dass er vor mir einschläft, meist aber direkt nach mir.

Für mich ist das aktuell sehr entspannend. Die Sorgen und Gedanken vom zu Bett bringen sind bei mir nicht mehr da und ich geniesse abends die Zeit mit Nepo. Nichts lenkt uns ab und wir spaßen manchmal rum, manchmal spiele ich mit ihm oder lese aus seinen Büchern vor. Ich kann mich voll auf ihn konzentrieren und da ich nicht vorhabe nochmal aufzustehen, denke ich auch nicht daran, was ich noch alles zu tun hätte.

Für ihn ist die Zeit im Bett nun auch keine schlimme Zeit, sondern er liegt gern bei mir. Eben weil er weiß, dass er jederzeit aufstehen kann. Er weiß, dass er nichts verpasst und noch mehr spürt er, dass Schlafen gehen nicht schlimm ist oder gar eine Strafe darstellt.

Ich bin ein Frühaufsteher und mittlerweile bin ich es gewohnt, um 05:00 Uhr aufzustehen. Meist werde ich von allein wach, nur manchmal brauche ich einen Wecker. Da Nepo dann relativ spät ins Bett geht, schläft er meist bis 8:00 Uhr. Für mich ist die Zeit am Morgen sehr wertvoll. Ich bin fit und kann viele Dinge erledigen. Wenn er dann aufwacht bin ich entspannt und kann mit ihn in den Tag starten.

Elternzeit

Ich finde nicht, dass wir jetzt weniger Zeit füreinander haben, nur weil wir Nepo jetzt nicht mehr ins Bett bringen. Wenn mein Freund aus dem Büro kommt, reden wir miteinander über den Tag, über unsere Sorgen, Wünsche – eigentlich über alles mögliche. Wir zwei sind keine TV-Fans, weswegen wir schon mal gar keinen Fernseher haben. Obwohl wir auch über unseren großen Mac TV schauen könnten, machen wir es nicht. Das macht meiner Meinung nach viel aus.

Wir geniessen unsere Zeit zu dritt und wir als Eltern haben nicht das Gefühl, dass uns jetzt Zeit für uns fehlt. Nepo ist ein Teil von uns und er nimmt an unserem Alltag und Leben teil, so wie wir an seinem teilnehmen dürfen. Wichtig ist, dass jeder auch mal für sich Zeit hat. Ich habe das morgens und mein Freund abends.

Als wir Nepo noch ins Bett gebracht haben, war es ja auch nicht anders. Einer war immer bei ihm und der andere hat sein Ding gemacht. Wenn das zu Bett bringen besonders lang und aufreibend war, war der Abend dann sowieso gelaufen und wir waren beide zu fertig für alles.

Uns geht es sehr gut und wir haben nicht das Gefühl als Paar hinten anzustehen, nur weil wir nie zu zweit ausgehen oder unseren Sohn um 18:00 Uhr ins Bett bringen, um dann gemeinsam vor dem Fernseher zu sitzen, wo dann doch jeder nur für sich ist.

Die Mär vom Zur-Ruhe-Kommen

Nepo signalisiert uns mittlerweile schon sehr gut, wenn er mal seine Ruhe braucht oder gar müde ist. Ich selbst gehe da gar nicht aktiv auf ihn zu, und will das er zur Ruhe kommt oder mal tief durchatmet. Meist ist er es, der ein, zwei, drei Bücher anschleppt und diese dann mit mir anschaut. Er blättert sie durch, zeigt mir dies und das, ich erzähle ihm was zu den Bildern oder lese vor. Irgendwann ist es dann vorbei und er widmet sich dann sehr konzentriert seinen Autos.

Bevor ich ins Bett gehe, muss Nepo natürlich seinen Schlafanzug anziehen. Ich lege ihn dann raus und manchmal kommt er von allein, legt sich neben den Schlafanzug und lässt sich anziehen. Wenn er nicht möchte, dann zwinge ich ihn nicht, weil ich weiß, irgendwann kommt er schon. Manchmal sind es nur wenige Minuten die ein entspanntes Umziehen von einem Kampf unterscheiden. Hier gilt wie so oft: Gut Ding will Weile haben.

Wie lange darf das Zu-Bett-Gehen dauern?

Ich muss mir diese Frage nicht mehr stellen, denn ich bleibe ja, wie Nepo, im Bett. Ich denke nicht daran, was ich alles noch tun muss oder werde genervt, weil Nepo nach 20 Minuten immer noch nicht schläft. Nein, wir können kuscheln, Quatsch machen oder ich liege einfach nur da und geniesse meine Ruhe, auch wenn Nepo neben mir mit seinen Holztraktor agiert.

Wenn ich im Bett liege, habe ich kein Zeitgefühl und kann nicht sagen, wie lange Nepo noch rumspringt. Irgendwann schlafe ich ein und wenn ich nachts aufwache, dann schläft er auch. Mein Freund sagt mir dann, dass er kurz nach mir eingeschlafen ist oder noch Ewigkeiten draußen rumsprang.

Für mich ist das jetzige Zu-Bett-Gehen auf jeden Fall kurzweiliger, als früher. Zudem darf man nicht die Qualität der Zeit vergessen, die man mit dem Kind verbringt, wenn man gemeinsam ins Bett geht. Vielleicht wird Nepo irgendwann von allein ins Bett gehen, auch wenn ich nicht da bin. Vielleicht wird er eine Weile im Bett liegen und spielen, um dann einzuschlafen. Vielleicht wird das irgendwann sein, vielleicht aber auch nicht.

Das Kind weiß, wann es müde ist

Nepo schläft ein, wenn er und sein Körper es für richtig halten. Nicht mein Freund und nicht ich entscheiden, wann er müde ist. Manchmal findet er nicht in den Schlaf, manchmal lacht er und zwei Sekunden später schläft er. Manchmal schläft er ein, wenn er über mich drüber klettert und manchmal in mitten seiner Autos im Bett.

Wir sind für ihn da, unabhängig, ob er wach ist oder schläft und das ist das wichtigste.

Die Mär vom quengeligen Kind

Als wir gestern Abend von Augsburg nach München gefahren sind, quengelte Nepo auf der Rückbank. Ich bewundere Eltern die das einfach so aushalten. Mich macht das fertig, mein ganzer Körper kribbelt und ich würde alles in meiner Macht stehende tun, damit Nepo es besser geht. Aber das geht nicht. Mein Freund hat mich gestern auf der Fahrt einfach gebeten, ruhig zu sein und Nepo auch einfach mal quengeln zu lassen. Es viel mir schwer, aber irgendwann hat er aufgehört und wenig später ist er eingeschlafen. Die Nacht war zudem eine sehr ruhige.

Die Launen des Kindes genauso zu akzeptieren wie die Launen eines Erwachsenen ist immer noch eine Herausforderung für mich. Aber so wie ich mal schlechte Laune habe, so hat Nepo sie eben auch. Und ich muss das akzeptieren, auch wenn es mir als Hochsensibelchen immer noch schwer fällt.

Die Mär vom „Wieder-munter-Werden“

Im Gegensatz zur Autorin finde ich am „Wieder-munter-Werden“ nichts herrlich. Kann es herrlich sein nachts von 0:30 bis 2:30 Uhr wach zu sein? Nein, es ist nicht herrlich. Auch als Nepo nachts wach wurde und um 1:00 Uhr mit seinen Autos spielen wollte, konnte ich nicht staunen, wie die Autorin sagt, sondern wollte nur weinen. Zum Glück sind die Zeiten bei ihm vorbei und er wacht nachts nur kurz auf. Wir sind dagegen schon öfters wach. Montag war sehr krass für mich. Ich bin um 2:38 Uhr aufgewacht und nach einer Stunde im Bett wälzen aufgestanden. Ich hoffe das wird heute nicht so. 😮

Die Kontrolle der Eltern

Mein Freund hat gerade Jesper Juul neuestes Buch „Leitwölfe sein“ gelesen. Darin geht es auch um Machtkämpfe und die Tatsache, dass Eltern ihr Kind als Projekt sehen. Wenn man natürlich als Eltern so eine Einstellung hat, dann ist auch das „Zu-Bett-Gehen“ eine Machtfrage und die gewinnt auf den ersten Blick der Stärkere, auf den zweiten Blick verlieren aber beide.

Ich kann Nepo nicht befehlen, wann er schlafen soll. Er schläft, wenn er es für richtig hält. Ich habe im Leben genug Projekte gehabt, dass ich nun keines mehr brauche. Ich möchte meinem Kind auf Augenhöhe begegnen und so wie ich mir von niemandem vorschreiben lasse, wann ich ins Bett gehen soll oder was ich essen soll, so will ich meinem Sohn gegenüber auch nicht auftreten. Es würde auch nicht funktionieren, denn mein Herz würde zerspringen.

 

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Letztendlich muss jeder jeden Tag für sich entscheiden, was richtig und was falsch ist. Wir haben aufgehört unseren Sohn ins Bett zu bringen und fahren damit gut. Jetzt ist es 20:57 Uhr und ich bin todmüde. Nepo ist heute ohne mich eingeschlafen und jetzt gehe ich zu ihm. Mein Wecker wird morgen um 4:30 Uhr klingeln und dann will ich fit sein. Ich sags ja: Jeder Mensch hat so seine Stärken und Vorlieben. Und während Nepo eine Eule wird, bin ich eben die Lerche.