Tag Archives: Lebensqualität

20Mai/15

Den Minimalismus in den Alltag holen

Über Minimalismus und den Willen dazu zu schreiben ist ja das eine. Den Minimalismus in den Alltag zu integrieren und schrittweise Ballast im Leben abzuwerfen, ist das andere. Mein Freund und ich sind begeistert vom Minimalismus, aber auch realistisch genug, um zu wissen, das man sowas nicht auf einmal umsetzen kann. Bekanntlich sind die Schnellschüsse ja häufig auch die Fehlschüsse.

Der Weg zu weniger Konsum und zu einem minimalistischen Leben und Wohnen ist ein langer, aber gangbarer Weg. Damit wir keine Durststrecken haben, erfreue ich mich an unseren kleinen Meilensteinen. Dinge die ich schnell in unseren Alltag integrieren konnte und sie mit Überzeugung umsetze:

Abbau der Restbestände

  • Wir haben eine ganze Batterie von Reinigungsmitteln. Die nehmen unheimlich viel Platz weg. Darum kaufe ich jetzt keine neuen, denn früher wurde auch alles mit einem Mittelchen geputzt.
  • Ich habe Essigessenz, Natron und Soda wieder entdeckt und putze nun damit die Wohnung, entkalke und entferne Schimmelrückstände. Essig stinkt zwar, aber der Geruch verzieht relativ schnell im Vergleich zu meinen Chemiekeulen.
  • Früher war der Kühlschrank so voll, dass wir keinen Überblick hatten und schon gar keinen Plan fürs kochen. Jetzt koche und verbrauche ich alles, bis der Kühlschrank gut leer ist. Zudem brauche ich alle Zutaten auf, die mir zu schade sind, um sie wegzuschmeissen. Das sind unendlich viele Tees, Nüsse oder 3 Packungen Rohkakao (wer keinen Überblick hat, kauft natürlich alles doppelt und dreifach)
  • Was für Essen richtig ist, kann für Kosmetik und Drogerieartikel natürlich nicht falsch sein. Auch dort brauche ich alles auf. Gerade ist mein Shampoo alle geworden und ich nutze jetzt Duschgel für die Haare. Wenn die Spülung auch alle ist, mache ich mich auf die Suche nach einem 2-in-1-Produkt, vielleicht auch 3-in-1-Produkt, sodass ich statt Duschgel, Shampoo und Spülung nur noch eine Flasche im Bad rumstehen habe.

Ablagen, Fächer und Räume sauberhalten

  • Für Deko- und Nutzgegenstände gilt: Alles was weniger als einmal in der Woche genutzt wird, wird verstaut
  • Dekozeug, dass nur verstaubt, wird entweder weggeräumt oder entsorgt. (Die gefühlten 50 Schutzengel schlummern jetzt in einer schönen Schublade)
  • Alle Ablagen müssen leer sein, damit ich den Staub einfach wegwischen kann. Bis auf wenige Ablagen habe ich schon gut freigeräumt.
  • Es wird kein Geschirr mehr gestapelt und keine Kleidung mehr auf irgendwelchen Schränken zwischengelagert.
  • Papierablage muss ich einmal die Woche machen (Memo an mich)
  • Nepomuks Spielzeug räume ich immer auf, wenn er schläft. Er freut sich dann, wenn er wieder alles ausräumen kann
  • Das Spielzeug von Nepomuk reduziere ich jetzt immer. Nicht, weil ich zu faul bin, dass wegzuräumen, sondern damit er keine Reizüberflutung bekommt. Sein Spielzeug tausche ich zudem alle vier Tage aus – bis auf die geliebten Enten und dm Becher.

Essen und Trinken

  • Da mein Freund und ich schon seit langem getrennt kochen, habe ich mir vorgenommen für mich nur noch mittags zu kochen. Und nur Gerichte bei denen ich quasi nur noch schneiden, würzen und kochen muss.
  • Nach dem Kochvorgang räume ich alles gleich weg bzw. spüle alles ab und schiebe das Aufräumen nicht wie bisher immer vor mir her
  • Abends teste ich gerade Dinner Cancelling. Mittlerweile fällt es mir nicht schwer und oben drein muss ich mir keine Gedanken mehr um die Wahl des Abendessens machen.

Was mir das alles bringt?

Das klingt alles nach so viel Aufwand, ist es mittlerweile gar nicht mehr. Zudem gibt es mir ein gutes Gefühl. Ich fühle mich wohl in meiner Haut und unserer Wohnung. Seit ich nichts mehr aufschiebe (außer Bügeln. Ich hasse Bügeln und schiebe es bis zum St. Nimmerleinstag!) verspüre ich keinen Druck und keinen Frust mehr. Nichts was ich noch lesen, essen oder sonst wie konsumieren muss. Seit ich beispielsweise das Aufräumen nach dem Kochen ebenso bewusst tue, wie das Kochen und Essen an sich, geht es viel leichter.

Vielleicht sind das alles Dinge die andere Menschen schon tun, aber für mich als kleiner Chaot ist das alles Neuland. 🙂

04Apr/15

Mein neues Leben dank Offline-Modus

„Unsere Verabredung mit dem Leben findet im gegenwärtigen Augenblick statt. Und der Treffpunkt ist genau da, wo wir uns gerade befinden.“ 

Siddharta Gautama

Vor einiger Zeit hatte ich hier darüber geschrieben, dass ich die Nutzung von Twitter zurückfahre. Seit dieser Zeit hat sich aber nicht nur meine Einstellung zu Twitter geändert, sondern auch zu Facebook, Instagram und diversen anderen früher viel frequentierten Webseite.

Von Zero to Hero 

Früher war ich immer online. Im Minutentakt habe ich mein iPhone gecheckt: Nach Mails, Twitter und Facebook Notifications oder Instagram Likes. Mit früher meinte ich noch vor einigen Wochen. Irgendwann merkte ich das es sich zu einem Zwang entwickelt hatte. Ich muss nicht sagen, dass ca. 90% der Tweets in meiner Timeline keinen Mehrwert für mich hatten und ich ob einiger degenerierter User einfach nur die Augen rollen konnte. Ich muss auch nicht erwähnen, dass mir die „Freunde“ auf Facebook auf den Wecker gingen, die entweder immer irgendeinen Weltverbesserungsscheiß, sinnlose Witzbilder oder den neuen 911er gepostet haben. Alles Content der mir in meiner aktuellen Situation als Mutter eines sieben Monate alten Babys nutzlos erschienen. Nein, ich hatte irgendwann die Schnauze voll. Ich war spazieren und schob mit der einen Hand den Kinderwagen und mit der anderen machte ich Fotos vom supertollen München, nur um diese dann später auf Instagram hochzuladen. Ich war nicht unglücklich mit meinem Leben, aber mein Verhalten nervte mich immer mehr.

Und dann lass ich zufällig auf Brigitte (das eine mal im Jahr) einen Artikel von Regina  Tödter mit der Headline „Ich besitze nur noch 300 Dinge und fühle mich richtig reich“.   Und auf einmal wurde mir klar, dass ich so unzufrieden war, weil ich das Gefühl hatte, mein Leben vermüllt gerade. Das liegt aber nicht nur an den sozialen Netzwerken oder dem sinnlosen Surfen durch das WWW. Nein das liegt auch an überfüllten Kleiderschränken, vollgestopften Schubladen und nie enden wollenden Aufräumaktionen. Ich fühlte mich getrieben von meinen eigenen Besitzgütern und meiner Onlinepräsenz, so getrieben, dass ich allein vom Öffnen bestimmter Apps schon schlechte Laune bekam. Ich fragte mich wirklich zum ersten Mal: Will ich das wirklich? Will ich mein Leben wirklich mit so einem Scheiß verbringen? Ich habe jeden Tag 24 Stunden, jede Sekunde, die ich verschwende ist unwiederbringlich verloren. Ich wägte ab, ob der Nutzen von Twitter und Facebook so hoch ist, dass ich es mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, mich beim Spielen nicht zu 100 % auf meinen Sohn zu konzentrieren. Und ich konnte es natürlich nicht!

Twitter, iPhone und der Kleiderschrank

Nach dem mir klar wurde, dass ich so nicht weitermachen konnte, wenn ich mich als Mutter mit bestem Gewissen um meinen Sohn kümmern bzw. meinen Sohn aufwachsen sehen möchte, entschied ich erst die Nutzung von Twitter runterzufahren – aktuell liegt sie faktisch bei Null. Erwartungsgemäß fehlt mir Twitter nicht wirklich. Danach fing ich an die zeitfressenden Apps von meinem iPhone zu löschen und wichtige Apps in Ordnern zu bündeln. Ziel war es, nicht mehr als eine Seite für die ganzen Apps in Anspruch zu nehmen.

Danach ging es offline weiter und ich habe den ersten Teil meines Kleiderschrankes ausgemistet. Auch wenn die Handtaschen und Schuhe noch nicht dabei waren, so habe ich doch schon 2 riesige Müllsäcke vollbekommen. Der Kleiderschrank ist jetzt übersichtlicher, aber die Handtaschen lauern noch im Schrank. Schuhe und Handtaschen sind mein nächstes Projekt.

Doch nicht nur im Kleiderschrank habe ich Platz gemacht. Mein Freund hat einen kleinen Tischscanner gekauft, der super in eine Schublade passt. An einem verregneten Wochenende habe ich vier fette Ordner einfach weggescannt. Den Rest hebe ich auf, da noch einige Steuererklärungen offen sind. Aber vier Ordner einfach nicht mehr im Regal zu haben und Platz für die Spielsachen für unseren Sohn zu schaffen, war ein tolles Gefühl.

Ich fühlte mich nicht nur wohler mit mehr Platz, sondern langsam verloren auch Facebook und Instagram an Bedeutung. Auch das ziellose Surfen auf Smartphone und Macbook verlor seinen Reiz (wenn es den je gegeben hat). Mir wurde klar, dass ich keine Blogs lesen musste, denn was sollte ich denn von anderen Müttern lernen. Aktuell screene ich selbst die Montessori Gruppen auf Facebook nur noch sehr selten bis gar nicht und fühle mich darum nicht wirklich dumm.

Einzig und allein Pinterest ist noch eine App, die ich regelmäßig nutze. Die nutze ich gern und ich freue mich über den tollen Content und die vielen Inspirationen vorwiegend aus dem englischsprachigen Raum.

Mehr Zeit für mich und uns

Jetzt, wo ich mein iPhone oft liegen lasse oder mein Macbook gar nicht erst starte, merke ich, wie viel Zeit ich eigentlich habe. Zeit, die ich anderweitig nutzten kann. Ich kann tolle neue Rezepte ausprobieren und mit meinem Sohn viel Spaß in der Küche habe. Ich kann ohne schlechtes Gewissen über einen noch zu schreibenden Blogbeitrag im Wohnzimmer dem Kleinen stundenlang beim Spielen zu schauen und ihn, seine Bewegungen, sein Handeln und sein Ich-sein beobachten. Den Nachmittag können wir uns entspannt ins Schlafzimmer legen und auch mal zwei Stunden dösen oder er schläft und ich liege neben ihm und lese.

Auch mit meinem Freund sind die Abende entspannter. Da wir beide, Gott seis gedankt, keine Fernsehliebhaber sind, nutzen wir die Zeit für Gespräche oder jeder liest in Büchern oder Magazinen. Es ist so eine Ruhe, die ich vorher vermisst habe.

Ich selbst empfinde jetzt auch die Zeit als mehr, was natürlich dumm ist, denn 24 Stunden bleiben 24 Stunden, aber der Inhalt ist qualitativ hochwertiger. Bei Spaziergängen habe ich mein iPhone immer dabei, aber ich mache kaum noch Fotos. Nein, ich geniesse die Zeit, das tolle Wetter, die Spaziergänge an der Isar. Es fühlt sich alles so viel besser an und manchmal bin ich neidisch auf die Leute, die ihr Leben komplett ohne Digitalisierung leben.

Fokus, Fokus, Fokus

So wie ich jetzt lebe, so bin ich glücklich. Doch meine Reise zu mehr Lebensqualität geht weiter. Ich werde weiter Richtung Reduktion gehen und Dinge, die mich betreffen und für mich überflüssig sind, reduzieren. Ich werde nun ein paar Wochen auf die Rohkost Ernährung wechseln, wieder Sport machen und die restliche Zeit für mich, meinen Freund und meinen Sohn nutzen. Ich werde mich wie in den letzten Wochen mehr mit anderen treffen und das Leben da draußen einfach genießen. Wir alle haben nur 24 Stunden und jeder von uns hat es in der Hand, wie die 24 Stunden zu gestalten sind.