Emmi Pikler in der Praxis – Achtsamkeit der Pflege

Es sind nun einige Monate vergangen, seit dem ich das erste Mal mit dem Konzept von Emmi Pikler in Kontakt gekommen bin. Auf Pikler aufmerksam wurde ich in einer Montessori Facebook Gruppe. Die Administratoren waren wohl etwas genervt, weil Mütter immer wieder nachgefragt haben, was sie denn für ihre Kinder unter einem Jahr von Montessori anwenden könnten. Die Admins verwiesen auf die Pikler Pädagogik. Schon als ich die ersten Texte und Einführungen gelesen habe, wusste ich, dass ich bei meiner Suche nach einem schlüssigen Konzept fündig geworden bin. Für Montessori interessiere ich mich natürlich weiterhin, aber aktuell ist Pikler altersbedingt für uns greifbarer.

Ich versuche nun seit einigen Wochen die Ansätze von Emmi Pikler in unseren Alltag einzubauen. Dazu muss ich sagen, dass mir jeglicher pädagogische Hintergrund fehlt und ich eigentlich bis zur Geburt so gar keinen Plan von Kindern und den Umgang mit ihnen hatte. Doch die Bücher, die ich bisher gelesen habe, waren eben auch für Nicht-Pädagogen verständlich und so versuche ich Stück für Stück Theorie in die Praxis bzw. unseren Alltag einzubauen.

Die Achtsamkeit in der Pflege

Ein wichtiger Bestandteil der Pikler Pädagogik ist die Achtsamkeit der Pflege. Emmi Pikler war der Ansicht, dass regelmäßige Dinge wie wickeln, waschen oder anziehen nicht einfach „abgehandelt“ werden sollten, sondern das das Baby mit in diese Abläufe einbezogen wird.

In den Büchern war das immer so schön romantisch beschrieben, wie die Pflegerinnen mit den Säuglingen Hand in Hand das wickeln oder anziehen durchgeführt haben.

In der Praxis sah es bei mir so aus, dass mir schon vorm wickeln grauste. Immer hat sich Nepomuk weggedreht. Er hasste wickeln und nörgelte die ganze Zeit. Irgendwann habe ich ihn dann mit irgendwas abgelenkt – mal die neue Windel, mal die Tüte mit den Wattepads. Hauptsache er war beschäftigt und hielt still.

Das Anziehen war ebenfalls ein leidiges Thema. Ich verwendete nur Wickelbodys damit ich ihm nichts über den Kopf ziehen musste. Pullover oder normale Bodys habe ich gemieden. Das es anderen Müttern auch so ging, war für mich ehrlich gesagt kein Trost.

Aber wie so oft im Leben werden Dinge nicht besser, wenn man sie ungern tut oder gar meidet. Da ich Nepomuk noch eine ganze Weile wickeln und anziehen werde, bin ich besser beraten in diesem Bereich mehr auf die Kooperation mit Nepomuk zu setzen.

Kooperation und Rücksichtnahme

Als ersten Schritt in Richtung „mehr Kooperation“ packte ich die Wickelunterlage auf den Boden. Das hat nun zwei Vorteile: Die Gefahr, dass er vom Wickeltisch fällt, ist gebannt. Und zweitens, dass ist das wichtigere, ist es super als Ausgangslage für mehr Interaktion mit Nepomuk.

Seit einigen Wochen nun wickle, wasche und ziehe ich ihn auf dem Boden an. Mittlerweile weiß er, was es bedeutet, wenn Mama die Wickelunterlage auf den Boden legt. Ich habe nun für mich beschlossen, ihn fast nicht mehr zur Wickelunterlage zu tragen, sondern ihm zu signalisieren, dass ich ihn gern wickeln möchte. Das hat am Anfang gedauert und ich saß 10 bis 15 Minuten am Boden und habe mit der Windel gewedelt, ohne das Nepomuk Anstalten gemacht hat, zu mir zu kommen. Er wusste genau, was ich vorhabe und setzte sich immer einen Meter von der Wickelunterlage entfernt hin, lachte und brabbelte vor sich hin. Ich dachte ehrlich gesagt, dass ich das nie schaffen werde.

Irgendwann war er gewillt, sich wickeln zu lassen und kam von allein auf die Unterlage. Die Abstände von meinem Rufen bis zu seinem Kommen wurden immer kürzer. Natürlich gibt es auch Tage, da hat er so gar keinen Bock und ich muss ihn holen, aber ich glaube, wir sind auf einem guten Weg.

Wenn ich ihn wickle oder wasche rede ich viel mit ihm und erkläre ihm, was ich jetzt genau mache und versuche ihn einzubeziehen. Natürlich führe ich ihn immer noch, aber ich muss ihm jetzt nichts mehr in die Hand geben, damit er beschäftigt ist. Er bleibt von alleine liegen und lässt sich wickeln und waschen. Ich nutze die Zeit, um mit ihm zu sprechen und ihn zu streicheln. Zuviel Wärme und Körperkontakt kann man einem Baby meiner Meinung nach nicht geben.

Hat Nepomuk mal gar keine Lust sich wickeln zu lassen, dann lasse ich ihn einfach gehen und lege ihm die Windel an, wenn er sich irgendwo hochzieht.

Für das Waschen haben wir jetzt entschieden, wieder auf die Babywanne umzusteigen. Immer nach dem Frühstück setze ich ihn da rein und er kann vor sich hin plantschen. Er hat so viel Spaß mit dem Waschlappen zu spielen und mit dem Wasser wie wild rum zu spritzen. Ich bin ständig bei ihm und lasse ihn nicht aus den Augen, aber auch für mich ist es immer eine Freude, wenn ich sehe, wie viel Spaß er beim Baden hat. Das Abtrocknen findet er mittlerweile auch ganz toll, was früher überhaupt nicht sein Ding war.

Das Anziehen

Auch das Anziehen ist mittlerweile einfacher geworden. Ich kann jetzt in Ruhe normale Bodys anziehen und finde diese fast besser, weil ich sie Nepomuk auch im Sitzen anziehen kann. Nur die Jacke findet er immer noch blöd und protestiert kurz, wenn ich sie ihm anziehe. Mittlerweile weiß er aber, wenn ich meine Schuhe anziehe – zumindest die grauen Nike Sneaker – das wir nach draußen gehen. Dann gibt es bei der Jacke keine Probleme, da er schon im Flur sitzt und wartet, dass es endlich losgeht.

Was mir wichtig ist

Mir liegt es sehr am Herzen, dass wir Dinge wie wickeln oder anziehen gemeinsam erleben und ich es nicht als notwendiges Übel ansehe, dass ich jetzt einfach machen muss. Bei PEKiP, in das ich immer noch gehe, habe ich ein Gespräch zwischen der Kursleiterin und einer Mutter mitbekommen. Die Mutter sprach darüber, wie schwer es ist ihr Kind zu wickeln und anzuziehen. Und das ihr davor graute, weil er immer so schrecklich weinen würde und sich mit Händen und Füßen wehrt. Die PEKiP Leiterin meinte daraufhin, man müsse dem Kind klar machen, dass es jetzt da durch müsse. Es kann danach ja immer noch spielen oder machen, worauf es Lust hat. Aber wickeln muss eben sein und er könnte dies schon über sich ergehen lassen.

Ich fand diese, wie einige andere Aussagen, doch sehr befremdlich. Meiner Meinung nach, kann ein Kind vielleicht Sachen über sich ergehen lassen, die einmal im Monat oder einmal im halben Jahr stattfinden. Aber wickeln und anziehen? Dinge, die wir mehrmals täglich tun als „Pflicht“ für das Kind abzutun, ist für mich nicht der richtige Ansatz. Intervenieren würde ich bei solchen Gesprächen nie, denn es ist nicht meine Aufgabe als Mutter mich in die Belange anderer Mütter einzumischen.

Ich, für mich, habe meinen Weg gefunden und dieser ist nicht der Weg des „da müssen wir jetzt einfach durch“, sondern des „das machen wir gemeinsam und haben eine schöne Zeit“.

Die Pikler Pädagogik ist der Weg, der meinem Weg am nächsten kommt und den Nepomuk und ich die nächsten zwei Jahre gehen werden.

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