Category Archives: Hochsensibilität

14Mrz/16

Ein schwieriges Wochenende liegt hinter uns

Ein graues Wochenende liegt hinter mir.

Ein graues Wochenende liegt hinter mir.

 

Es ist jetzt Montag, kurz nach 5 Uhr. Die Nacht war sehr durchwachsen und ich bin seit 3 Uhr wach. Mir geht es nicht gut, denn das Wochenende war wirklich schwierig und eines, dass man am liebsten aus dem Gedächtnis streichen möchte.

Nepos Backenzähne kommen

Als ich mit ihm am Freitag auf dem Spielplatz war, merkte ich, dass er komplett durchgefroren war. Alles an ihm war eiskalt. Also sind wir nach Hause, doch so richtig warm wurde er nicht. Generell war er den Tag eher verhalten, sehr auf mich fixiert, wollte nichts essen und hatte zu gar nichts Lust. Gegen Abend hin wurde es immer schlimmer. Sein Kopf glühte, er hatte 39,1 Grad Fieber und weinte.

Vor ein paar Tagen habe ich zufällig gesehen, dass er auf der einen Seite sowohl oben, als auch unten seine Backenzähne bekommt. Tja, und ich denke, dass hat uns jetzt am Wochenende erreicht. Da immer nur eine Wange rot war und er auch sonst keine Anzeichen einer Erkältung hatte, wusste ich, dass das Weinen, das Verweigern von fester Nahrung und das ständige Rumgenörgle nur an den Zähnen liegen kann.

Ich musste mir ehrlich gesagt jedes Mal, wenn er weinte vor Augen führen, dass er solche Schmerzen haben muss. Obwohl wir Zahnungsgel und Streukügelchen da haben, gab ich ihm nix davon. Allein als er mich mit der Paste ankommen sah, schrie er noch mehr und rannte fast gegen die Fensterbank.

Irgendwann meinte mein Freund, er bräuchte einfach seine Ruhe und ich solle ihn nicht immer fragen, ob er was essen möchte, ob er eine Milch haben möchte oder so. Für mich war das schwierig, denn ich wollte ihm zeigen, dass ich für ihn da bin. Gut, hat teilweise funktioniert und wir haben dann wie immer rumgealbert, er hat sich halb tot gelacht, doch dann war alles wieder vorbei.

Decke auf dem Kopf und blanke Nerven

Das er gestern Abend mit einem Bulldozer über mein Nervensystem gefahren ist, kann allerdings nicht nur an den Zähnen gelegen haben.

Im Grunde genommen haben wir die Wohnung übers Wochenende nicht verlassen. Ich war zwar joggen und auf dem Flohmarkt, aber Nepo war gar nicht draußen. Am Samstag wollte ich nicht, weil ich mir nicht sicher war, ob Nepo nicht doch eine Erkältung ausbrütet und gestern wollte der Mann nicht.

Ich muss zugeben, dass ich mich gestern Abend maßlos über mich selbst geärgert habe. Ich hätte Nepo tagsüber einfach in den Kinderwagen packen müssen und wir wären an die frische Luft gegangen. Ob es besser für seine Zähne gewesen wäre, weiß ich nicht. Aber es hätte ihn auf jeden Fall abgelenkt.

Am Wochenende ist er so anstrengend wie die ganze Woche nicht. Da wir das zweite Wochenende in Folge zuhause hockten, kann es nur an der fehlenden frischen Luft liegen. Ich habe ihm gestern versprochen, dass wir, egal ob wir zu zweit oder zu dritt sind, ab sofort jedes Wochenende nach draußen gehen. Es ist egal, ob es nur eine Stunde ist oder im Rahmen einer Wanderung. Es ist egal, ob wir bei Regen ein Museum aufsuchen oder ein Indoor Spielplatz. Es ist wirklich egal, denn was zählt ist die Abwechslung.

Alles neu macht der Montag

Auch wenn das Wetter heute wieder trüb sein sollte, Nepo und ich gehen raus. Defacto ist es so, dass ich heute genau da stehe, wo ich letzten Montag stand. Nämlich bei der Erkenntnis, dass es draußen so viel schöner ist, als drinnen. Und was habe ich am Wochenende auf die Reihe bekommen? Nichts. Rein gar nichts.

Heute werden wir mit dem Papa das Haus verlassen, dann zur Post gehen und dann in die Stadt. Ja, so richtig Stadt – München Marienplatz und so. Da wo die Touristen sind. Ich brauche für Nepo Bodys und Socken und da lohnt immer ein Besuch bei Muji und H&M.

Heute nachmittag soll wieder ein strahlend blauer Himmel kommen. Vielleicht verbringen wir ihn wieder an der Isar. Ich werde auf jeden Fall einiges an Brezeln, Apfel-Bananen-Brei und gekochten Eiern mitnehmen. Es wäre doch gelacht, wenn wir zwei es nicht schaffen würden, einen schönen Tag zu verbringen.

Mama braucht Schonzeit

Das „nach draußen gehen“ ist auch sehr für mich gedacht. Ich muss zugeben, dass ich nach dem gestrigen Abend einfach fertig bin. Ich flippe innerlich beim kleinsten Schrei von Nepo aus. Als es besonders schlimm war, habe ich ihn einfach ins Wohnzimmer gebracht, aufs Sofa gesetzt und ihm gesagt, dass ich nicht mehr kann. Das ich nervlich am Ende bin und wirklich, wirklich keine Lust mehr auf das Genörgle habe.

Das mag für manche asozial klingen, aber ich habe keine Geduld. Das ist meine Baustelle als hochsensible Mutter. Ich schaffe es nicht frühzeitig meine Grenzen aufzuzeigen, sondern lasse mich immer mehr zurückdrängen und immer mehr an mich rankommen. Bis zu einem „point of no return“ und dann ist er da, der emotionale Vulkan und ich kann nur noch eins: Ausflippen, wimmern, die Hände über den Kopf pressen und vor mich hin flüstern, dass alles wieder gut wird. Oft funktioniert es, gestern nicht. Ich konnte einfach nicht mehr.

Die Nacht war hart, doch so langsam geht es mir besser. Ich werde gleich laufen gehen und Kraft für den Tag sammeln.

Euch wünsche ich ebenfalls einen guten Start in die Woche.

Alles Liebe

Mareike

29Jan/16

Von der Kunst den falschen Kurs zu wählen

Heute haben Nepo und ich wieder einen Kinderkurs hinter uns gebracht, für uns war es die letzte Stunde, für alle anderen Teilnehmerinnen nicht.

Die letzten Male, als wir da waren, wurde mir wieder schmerzlich bewusst, dass diese Mainstream-Kurse mit offener Tratschrunde zwischen den Müttern, gemeinsames Singen und die Enge von Kursräumen für uns beide nicht funktioniert.

Mit der Erfahrung der vielen Kurse, die wir bisher schon gemacht haben, habe ich den Kurs gewählt, weil dort auf die Montessori Fokussierung hingewiesen wurde. Da wir nun in zwei Spielräumen nach Emmi Pikler und Maria Montessori sind, dachte ich, dass dieser Kurs ja auch in dieser Liga spielen würde. Allerdings merkte ich schon bei der ersten Stunde, dass speziell wir beide da fehl am Platz sein würden. Ehrlich gesagt, möchte ich nicht über den Kurs lästern, weil er den anderen Müttern gut gefällt und ich glaube, er ist auch für „normale“ Mütter eine tolle Sache. Für mich als hochsensible Mutter und Nepo, der auch in diesem Bereich Anzeichen aufzeigt, war einfach zu „eng“.

Schon im Frühjahr/Sommer machte ich bei Nepo die Entdeckung, dass er sich in Kursen wie dem Spielraum absolut wohlfühlt, in anderen Kursen jedoch immer mehr zum Ausdruck brachte, dass er sich ab einem bestimmten Zeitpunkt unwohl fühlte.

Nehmen wir den Kurs „Gemeinsam wachsen“. Ein Kurs den ich wählte, als ich merkte, dass PEKiP uns nicht wirklich taugt. Am Anfang war der Kurs super, weil Nepo der einzige war, der in dieser Gruppe mobil war und krabbeln konnte. So hatte er relativ viel Spielraum, war aufgeschlossen gegenüber anderen Müttern und war manchmal die ganze Zeit kaum bei mir.

Während er am Anfang der laute und aktive war, änderte sich seine Rolle mit der zunehmenden Mobilität der anderen Kinder. Plötzlich konnten fast alle krabbeln, klettern oder robben. Kein Kind war mehr fest auf seinem Platz, sondern bewegte sich sicher im Raum. Je mehr Kinder mobil wurden, desto mehr ging Nepo in die Versenkung.

Wir waren fast immer die ersten, weil ich wusste, dass Nepo es besser findet in einen leeren Raum zu kommen und in Ruhe anzukommen. Diese Zeit und die erste Zeit der Kursstunde war Nepo dann auch entspannt und hatte Spaß. Doch sobald wir anfingen mit dem Singen war er sichtlich aufgeregt, je weiter die Stunde voran schreitete, desto lauter wurde es auch im Raum. Die Mütter unterhielten sich, die Kinder spielten, lachten, weinten oder machten mit den zur Verfügung stehenden Dingen Krach. Also eigentlich nichts besonderes für einen Babykurs, aber sowohl für Nepo, als auch für mich erreichte die Lautstärke ein unerträgliches Maß.

Es hat etwas bei mir gedauert, bis ich verstanden habe, warum Nepo immer zur Tür gekrabbelt ist, warum er am Schrank mit den Spielsachen gezogen hat oder warum er auch manchmal einfach nur bei mir saß. Mal weinend, mal genau beobachtend. Anfangs dachte ich, dass er einfach nur einen schlechten Tag hat, müde ist oder Hunger hat. Aber irgendwann erkannte ich das Muster: Sobald wir anfingen zu singen oder die Kinder sich an verschiedenen Geräten oder Spielzeugen betätigten, zog er sich zurück.

Für mich war das schlimm, weil ich manchmal einfach überfordert war. Sollte ich gehen, wenn er zur Tür krabbelte. Sollte ich den Kurs generell einfach sausen lassen oder sollte ich einfach nur für ihn da sein. Letzteres war natürlich immer der Fall, auch wenn ich mir manchmal dachte, dass er im Kurs so apathisch ist, aber zuhause oder auf dem Spielplatz so aufgedreht und an allem interessiert.

Ich habe ehrlich gesagt schon an mir gezweifelt, auch weil ich keinen Bock mehr auf einige Mütter im Kurs hatte. Sie mussten nur zur Tür hereinkommen und mein Tag war gelaufen. Ihre Art, ihre Stimme und ihr sinnloses Geschwafel ging mir so auf die Nerven, dass ich der festen Überzeugung war, dass sich meine negative Stimmung auch auf Nepo übertragen hat.

Dazu muss ich sagen, das Nepo und ich stark über Mimik miteinander kommunizieren. Wie gesagt bin ich hochsensibel und introvertiert. Auch wenn ich nach außen auf andere Mütter apathisch wirken mag, so nehme ich doch jede Kleinigkeit im Raum war. Ich beobachte, nein ich scanne die Mütter und analysiere sie. Ihre Kinder beobachte ich in ihrem Tun und Auftreten und natürlich beobachte ich Nepo: Seine Bewegungen, sein Verhalten gegenüber anderen, seine Reaktionen auf bestimmte Situationen und vor allem seine Mimik. Ich bin kein Freund der vielen Worte und ich muss mich wirklich immer innerlich ermahnen mehr mit Nepo zu sprechen. Manchmal sitzen wir minutenlang zusammen, ziehen Grimassen ohne ein Wort zu sagen. Für mich ist die Mimik das wichtigste. Die Menschen mögen sich ihre Worte überlegen, aber ihre Mimik haben sie nicht wirklich im Griff. Ich registriere die kleinste Bewegung der Augenbraue und die Augen sagen bekanntermaßen sehr viel über das Gegenüber aus. Die meisten Menschen sind für mich offen wie ein Buch, weswegen ich wohl auch an den wenigsten ein Interesse habe. Was soll ich mit ihnen reden, wenn ihre Mimik, ihre Gestik nicht zu dem gesprochenem Wort passt.

Und so wie ich andere Menschen lese, so versuche ich auch Nepo zu lesen. Das klappt manchmal gut und manchmal auch nicht. 🙁 Ich habe schon mit meinem Freund gescherzt, dass Nepo und mich eine Art Telepathie verbindet. Wenn ich etwas suche, dann weiß er fast immer, was ich suche und zeigt es mir: Unabhängig ob es eine blaue Schaufel im Sandkasten ist oder mein Wohnungsschlüssel. Manchmal bin ich selber platt, weil ich mir nicht ausmalen kann, wie er das wissen kann.

Nepo brabbelt viel vor sich hin, aber bis auf „Mama“, „Papa“ und etwas was sich anhört wie „Danke“ kommt von ihm noch nicht, dafür machen wir viel über Blicke und Gestik. Für einen 17 Monate alten Jungen hat er, im Vergleich zu anderen, schon eine sehr ausgeprägte Mimik. Und so sehe ich genau, wenn er erstaunt, verbittert, schockiert oder einfach nur genervt ist. Und so denken im Kurs Nepo läuft einfach nur so im Kreis rum, während andere Kinder bei ihrer Mutter sitzen oder sich immer noch mit dem Eingangsspiel beschäftigen. Ich lese ihn ihm aber, dass es ihm gegen den Strich geht, mit anderen Kindern in einer Kiste voller Korken zu graben. Er möchte nicht 30 Minuten mit anderen Kindern zusammenspielen. Er liebt es mit anderen Kindern zu interagieren, aber bitte nur kurz, danach will er wieder sein eigenes Ding machen.

Darum fühlt er sich auch im Spielraum wohl: Es ist eine vorbereitete Umgebung, alle Kinder bewegen sich frei und es ist selten, dass es zu Konflikten kommt oder das Nepo oder ich eine Reizüberflutung bekommen. Hinzu kommt das im Spielraum die Mütter eine beobachtende Rolle haben. Sie sitzen am Rand und schauen ihren Kindern beim spielen, entdecken und kommunizieren zu. Sie greifen nicht in Situationen ein und kommen nur hinzu, wenn es erforderlich ist, z. B. wenn ein Kind fällt und die Nähe zur Mutter braucht.

Ich selbst habe für mich beschlossen, dass ich der Vielzahl von Kursangeboten widerstehe. Nicht weil ich die Kurse für als zu dämlich oder überteuert ansehe, sondern weil ich die Erfahrung machen musste, dass für hochsensible Menschen wie uns Angebote wie Musikgarten oder Kinderturnen einfach keinen Sinn machen. Nepo findet gemeinsames Singen scheiße und turnt bzw. klettert grundsätzlich nur, wenn er den Freiraum hat und er nicht das Gefühl hat, dass er jetzt etwas tun muss, weil es die Kursleiterin von ihm erwartet. Denn je mehr man mich und Nepo „motivieren“ möchte, desto stärker wird unser Trotz und unsere Ablehnung gegenüber einem Kurs oder einer Kursleitung.

Die Kurse die ich besucht habe, waren natürlich auch nicht schlecht, sondern wir waren einfach fehl am Platze. Eine Erfahrung, die mich mehrere Monate Beobachtung und Erkenntnis gekostet hat, aber mich in meinem Denken bestärkt hat, dass wir mit Montessori und Pikler Angeboten am besten versorgt sind. Wir machen unser Ding in unserem Tempo und wie wir Lust haben. 🙂

21Nov/15

Buchempfehlung: Hochsensible Mütter von Brigitte Schorr

In den letzten Tagen habe ich mich in das Thema „Hochsensibilität“ eingelesen. Meine Kraft und meine Geduld gehen gerade in meiner Funktion als Mutter der Neige entgegen. Also besorgte ich mir in der Bibliothek „Hochsensible Mütter“ von Brigitte Schorr. Ich bin begeistert von dem Buch und möchte es jeder Mutter empfehlen, die das Gefühl hat hochsensibel zu sein.

Damit ich auch eine gute Erinnerung an das Buch habe, fasse ich hier mal die wichtigsten Inhalte und Erkenntnisse zusammen. Mein Empfinden und meine Gedanken verschwimmen etwas mit dem Inhalt, aber ich denke es ist nur authentisch das mit dazu zu packen, schließlich bin ich ja mit der Hochsensibilität „gesegnet“ und möchte die Welt mit meinen Gefühlsdussel bereichern. Continue reading “Buchempfehlung: Hochsensible Mütter von Brigitte Schorr” »

01Jun/15

Twitter ist laut, Pinterest ist Musik

Als ich am Samstag den HSP-Test des Vereins Zartbesaitet gemacht habe, dachte ich nicht, welche Grübelwelle ich damit in Bewegung setze. HSP steht für Hoch Sensible Persönlichkeit und anhand von ein paar Fragen kann man ungefähr einschätzen, wie stark oder wie gering die Hochsensibilität bei einem selbst ausgeprägt ist. Ich hatte 241 von 300 Punkten und bin im Bereich der „starken“ Hochsensibilität angesiedelt. Das erklärt so einiges, speziell meine immer größere werdende Abneigung von Twitter.

Twitter, das Café mit hohen Wänden und lautem Geräuschpegel

Immer wenn ich Twitter öffne, dann habe ich das Gefühl an einem Sonntagmorgen in ein volles Café in München zu gehen. So wie ich beim Betreten eines Cafés die Leute screene und mir zu ihnen Gedanken mache, so scrolle ich durch meine Timeline und überfliege die Tweets.

Ich nehme Platz an einem Tisch und links von mir sitzen Mütter, die die Weisheit mit Löffel gefressen haben und rechts Mädels, die immer noch gefrustet ihr Singleleben fristen, statt sich an der Freiheit zu freuen. Auf Twitter sind es immer die gleichen Mütter, die in einer Art Tweets schreiben, die für mich nicht authentisch sondern überheblich klingen. Dazwischen kommt immer wieder ein Tweet von einem gefrusteten Single, mit irgendwelchen Gefühlsretweets.

Meine Laune geht schon nach unten, weil ich das alles nicht einfach ausblenden kann. Jeder Tweet, wie im Café jedes Gespräch, dass ich unmittelbar mitbekomme, bringen mich aus dem Konzept. So wie ich den Gesprächen nicht entfliehen kann, kann ich bei Twitter den Tweets nicht entfliehen. Ich möchte ja interessante Dinge finden, aber muss immer weiter scrollen. Was einmal in meiner Timeline landet, ist nun einmal da und ich kann nur weiterscrollen, denn selbst spontanes Entflogen nimmt die Tweets nicht weg.

Es ist mir nicht möglich, die Gerichte auf der Karte zu lesen, weil meine Ohren von links und rechts beschallt werden und ich quasi mitten im Gespräch sitze. Meine Laune sackt weiter ab und ich fange an mir Gedanken zu machen: Was sind das für Mütter? Was sind das für Singles? Wie leben sie? Was machen sie beruflich? Sind sie glücklich als Mütter? Sind sie glücklich als Singles? Was erzählen die Mütter da für einen Dreck mit mehrsprachigem Kindergarten? Warum wundert sich die blonde, dicke Zicke, dass das Date vom letzten Wochenende nicht geklappt hat?

Im Cafe, wie bei Twitter mache ich mir Gedanken um Sachen, die andere einfach ausblenden können. Im Café ist es die Mimik und der Duft der anderen, was mich beschäftigt. Bei Twitter ist es die Schreibweise der Tweets und die möglichen Botschaften zwischen den 140 Zeichen.

Je länger ich auf Twitter bin, desto „lauter“ werden die Tweets. Die geschriebenen Worte hämmern immer stärker auf mich ein. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren, weil ich zu aufgebracht bin, zu emotional. Ich fühle wie mein Smartphone immer schwerer wird und wie diese Schwere auf mich übertritt. Und irgendwann muss ich Twitter einfach schließen, weil es mir weh tut. Ja, mir tut diese Art der Kommunikation weh. Es ist wie im Café: Die einen jammern, die anderen posen, andere meckern die ganze Zeit (bei Twitter über ihr Leben, im Café über die Qualität des Frühstücks).

Doch wie im normalen Leben, wenn plötzlich die Tischnachbarn wechseln und sich Menschen an den Tisch setzen, die einfach nur Ruhe ausstrahlen oder die aufgrund ihrer Art witzig sind, finde ich bei Twitter zwischen den nutzlosen und merkwürdigen Tweets meine Anker. Es sind so Leute wie Auftragsmama oder MaraKolumna, die mir Halt und Ruhe geben. Was sie schreiben, was sie retweeten, beruhigt mich auf eine Art, die ich nicht beschreiben kann. Ja, die Lichtblicke auf Twitter sind mau, aber sie sind da. 🙂

Pinterest, die Pinakothek mit der klassischen Musik

Das komplette Gegenteil von Twitter ist Pinterest. Ich nutze Pinterest vorwiegend in den Abendstunden und eher passiv, als aktiv. Wenn ich Pinterest öffne, ist das wie der Gang in die Pinakothek, begleitet von leiser klassischer Hintergrundmusik. Ich sehe die Bilder in meiner Timeline wie die Gemälde in der Pinakothek. Ich verharre bei dem Bild, so wie ich mich in der Ausstellung vor ein Bild setze.

Die Unruhe von Twitter kehrt sich hier in wohlige Wärme, gefühlte Musik. Ich schaue die Bilder so gerne an und fühle mich gut dabei. Was bei Twitter oft wirr und inhaltslos ist, hilft mir bei Pinterest: Rezepte, Ideen für Montessori & Pikler, Anregungen im Bereich Minimalismus. Ich sauge den Inhalt förmlich auf, ohne das Gefühl zu haben überfordert zu sein.

Für mich gibt es auf Pinterest keine Selbstdarsteller oder neurotischen Menschen, es gibt keinen Ärger und keine schlimmen Bilder. Das Leben in der Pinterestwelt ist einfach nur rosa, pastell und etwas Mozart. Dazu gibt es mir noch einen Mehrwert und ich nicht das Gefühl der Zeitverschwendung.

Pinterest ist für mich ein kuschliger Abend, mit Kerzenlicht, klassischer Musik. Eine Tasse grünem Tee und einer warmen Decke. Während Twitter für mich schnell, schnell und laut ist, mit der Konsequenz einer Reizüberflutung.

Mittlerweile habe ich mir einen neuen Twitter Account zugelegt, mit anderem Fokus und da ist es auch noch schön angenehm. Wie in einem Café am Montagvormittag. 🙂