Blogparade: Wie viel (Online-) Erreichbarkeit darf es sein …

Mamabloggerin Renate hat zu einer Blogparade aufgerufen, die aus meiner Sicht super in die Fastenzeit passt. Es geht um das Thema „Wie viel (Online-) Erreichbarkeit darf es sein, bevor sie krank macht?“. Mit anderen Worten:

Können wir verantwortungsvoll und bewusst mit den neuen Technologien und den daraus entstehenden Anforderungen umgehen oder sind wir längst Sklave unserer Smartphones und des 24/7 Hype.

Renates Blogparade zielt auf drei Themenbereiche ab, von denen ich gern auf zwei eingehen möchte:

  1. Unbezahlte berufliche Tätigkeit während der Freizeit durch mobile Technik
  2. Sind soziale Netzwerke wirklich so sozial oder vereinsamen wir dadurch?
  3. Bloggen – Erfahrungen teilen aus Spaß daran oder ist es doch etwas mehr?

Für mich als Community/Social Media Manager und privater Social Media Junkie sind vor allem die ersten beiden Fragen von wesentlicher Bedeutung. Frage 3 kann ich schnell und unkompliziert beantworten: Ich blogge aus Spaß, für mehr fehlt mir nicht die Zeit, sondern die höhere Priorität.

Unbezahlte berufliche Tätigkeit während der Freizeit durch mobile Technik

Dieses Thema kam bei mir erst im neuen Job in München auf. Vorher war immer klar geregelt: Tagsüber ist Arbeit und abends ist Freizeit. Das ging 12 Jahre in einem Automobilkonzern und das war auch gut so. Dann wechselte ich in die Internetbranche und plötzlich war alles vermischt. Ich hatte anfangs zwar kein Diensthandy, aber ich ließ mir die Mails auf meinem privaten Smartphone einrichten. Dazu das Firmennotebook und fertig war das 24/7 Leben. Ich fing an abends, am Wochenende und im Urlaub meine Mails zu checken. Ich schaltete in dem neuen Job nie ab. Immer war der Gedanke bei der Firma, immer checkte ich die Mails und fühlte mich bestätigt, wenn irgendein Kollege sonntags Mails verschickte. Meine Chefin machte mir dann klar, dass ich auch auf mein Privatleben achten sollte und nicht überall erreichbar sein muss. Ich hatte eine tolle Chefin und habe viel von ihr gelernt. Wenn sie Urlaub hatte, war sie zwar erreichbar, aber nur in wirklichen Notsituationen. Ich habe sie nicht einmal im Urlaub angerufen und das, obwohl sie Geschäftsführerin war.

Dann wechselte ich den Job und wurde neben Social Media Manager auch noch Community Manager einer Freizeitcommunity. Die Menschen verabredeten sich per App zu Aktivitäten und traffen sich in real. Und wann verabredeten sich die Menschen am häufigsten: Abends und am Wochenende. Als Community Manager muss man seine Community immer im Blick haben. Wir waren ein Startup und hatten keine Automatismen, wenn beispielsweise ein Typ wieder eine Gang-Bang-Party einstellte. Immer musste manuell gescreent werden. Wenn eine Community gerade startet, dann bist du als Community Manager dafür verantwortlich engen Kontakt zu den Usern aufzubauen. Da ich anfangs kein Diensthandy hatte, ging alles über mein privates Handy. Das heißt meine Nummer ging durch die Community, mein Facebook Account, mein Whatsapp. Auf allen Kanälen wurde ich kontaktiert, sollte User löschen, ermahnen, Feedback zu aktuellen Veranstaltungen geben. Es hörte nicht mehr auf. Auch als ich dann ein Diensthandy bekam, war meine private Nummer immer noch im Umlauf.

Am schlimmsten fand ich, dass ich noch an Silvester in München mit einem User in Frankfurt telefoniert habe, weil er eine Frage zu der Spontacts Silvesterparty hatte. Nach ein paar Monaten im Job war ich fertig: Ich hatte kein Wochenende, dass habe ich oft auf Veranstaltungen oder beruflich in anderen Städten verbracht, verlor meine wirklichen privaten Kontakte, Feiertag und Feierabend hatten aufgehört zu exisitieren. Erst mein Freund hat mich zum Umdenken gebracht. Aufgehört mit der ständigen Verfügbarkeit habe ich dann in der Schwangerschaft. Da das Startup dann auch verkauft wurde und ich nicht mitgehen musste, blieb mir ein ruhiger Bürojob ohne Diensthandy.

Heute frage ich mich manchmal, wie blöd ich damals war. Gratis am Wochenende arbeiten, ständig verfügbar zu sein und immer ein Ohr für die Belange der User. Ich hatte keinen Abstand, der Job verfolgte mich bis in meine Träume. Hatten wir Trolle, die gegen uns hetzten, ging mir das ans Herz und ich trug den Kummer immer mit mir rum. Hätte ich den Job noch ein Jahr gemacht ohne mich zurückzunehmen. Ich wäre durch gedreht und drauf gegangen.

Mir ist in den letzten Jahren eines immer wieder klar geworden: Auch wenn du denkst, du bist unersetzlich und beruflich nie jemand an dich rankommen. Dann hast du vielleicht recht. Aber nur, weil andere nicht so doof sind wie du und sich das Wochenende vom Job kaputt machen lassen. Sie werden den Job machen, vielleicht in abgespeckter Form, aber sicher genauso gut wie du. Niemand wird dir eine Träne nachweinen, wenn es dich aus den Latschen haut. Kaum ein Kollege wird dich besuchen, wenn du nach dem Burnout wieder langsam in dein Leben findest. Jeder wird sich sagen: Ihre Grenzen hätte sie schon besser sehen müssen. Sie hat ja keiner gezwungen. Und wenn du dabei drauf gehst, weil du eben am Wochenende im Büro einen Herzinfarkt hattest und dich die Kollegen erst am Montag im Büro finden, dann kannst du hoffen, dass sie dir wenigstens einen ordentlichen Kranz aufs Grab legen.

Und das ist nicht übertrieben, sondern erlebtes aus über 15 Jahren Berufserfahrung – unabhängig ob es der konservative Automobilkonzern oder das hippe Internetunternehmen ist.

Natürlich muss und kann jeder für sich selbst entscheiden, ob er immer erreichbar sein möchte, aber ich habe für mich beschlossen, dass ich mich nicht mehr darauf einlassen werde. Ich lasse mir gerade jetzt als Mutter nicht mehr das Wochenende von irgendeiner bescheuerten Mail versauen. Und ehrlich, was soll denn schon passieren, wenn man eine Mail am Wochenende nicht liest? Das einzige was passieren kann: Man merkt, dass sich die Erde trotzdem dreht.

Sind soziale Netzwerke wirklich so sozial oder vereinsamen wir dadurch?

In meinem Masterstudium 2009 waren die Vorlesungen zur digitalen Ökonomie immer die besten. Die Studenten, die weder Facebook noch Twitter nutzten, beschimpften die Studenten, die Facebook und Twitter nutzten, als „sozial unterentwickelt“ und vereinsamt, weil sich das Leben ja nur draußen abspielt.

Ich gehörte also schon 2009 zu den „unterentwickelten“ und „vereinsamten“ Menschen, die voller Leidenschaft soziale Netzwerke wie Facebook, Twitter, Instagram und Pinterest nutzen. Vereinsamt bin ich durch soziale Netzwerke nicht. Ich habe zwar nicht viele Freunde über die Netzwerke gefunden, denn die treffe ich doch vorwiegend im realen Leben. Aber ich habe schon so viel Nutzen aus Facebook-Gruppen und verschiedenen Foren gezogen, dass ich das alles nicht mehr missen möchte.

Sicher verstehen meine Eltern jetzt nicht, warum ich Essen immer erst fotografieren muss, bevor ich es esse, aber für mich ist das wichtig. Vor allem, wenn ich selber koche, dann isst das Auge quasi mit und das möchte ich mir für später konservieren. Es ist toll, wenn man sein Timeline auf Instagram oder Facebook durchschaut und genau sehen kann, was man 2009 oder 2012 so erlebt hat.

Da viele meiner Freunde nicht in München leben, nutze ich Facebook vor allem, um in Kontakt zu bleiben und sie über mein Leben auf dem Laufenden zu halten. Umgekehrt kann ich natürlich auch an ihrem Leben teilhaben – egal, ob sie in Hongkong, Singapur, Kathmandu oder Rio leben.

Neben der Kontaktpflege sind Netzwerke wie Facebook, Instagram oder Pinterest pure Inspiration und Motivation. Gerade jetzt, wo ich meine Ernährung auf vegan, zucker- und Weißmehlfrei umgestellt habe, finde ich so viele tolle Rezepte und Ernährungskonzepte. Zudem kann ich mich in Gruppen super austauschen und habe viel wissenswertes gelernt und tolle Tipps bekommen. Auch mein aktuelles Interesse an Montessori und Pikler, beides Erziehungskonzepte, kann ich am besten über Facebook befriedigen. Dort posten Gleichgesinnte immer tolle Bastelideen und Dinge, die sie gerade mit ihren Kindern ausprobiert haben. Viele Sachen machen nicht viel Aufwand, aber auf die Idee muss man eben erst kommen.

So sehr ich den Nutzen in den sozialen Medien sehe, so klar ist mir auch, dass der Umgang mit ihnen entscheidet, ob sie ein Segen oder ein Fluch sind. Wer sein Wohlbefinden daran ausmacht, wie viel Likes er jetzt auf sein Profilbild bekommt und sich nur noch auf Facebook aufhält, um andere zu stalken, für den ist Social Media sicher ein Fluch und der beste Weg in die Einsamkeit und Depression.

Auch ich muss mich immer wieder ermahnen, doch nicht immer das Smartphone bei mir zu haben. Aktuell hilft mir mein Sohn dabei, denn obwohl er erst 6 Monate ist, hat er schon realisiert, dass das kleine schwarze Ding mit dem angebissenen Apfel meine Aufmerksamkeit genauso bindet, wie er selbst. Und auf geteilte Aufmerksamkeit mit einem schwarzen Ding hat mein Sohn so gar keinen Bock und schaut mich immer sehr eindringlich an, wenn ich das iPhone zu lange in der Hand halte. 😀

2 thoughts on “Blogparade: Wie viel (Online-) Erreichbarkeit darf es sein …

  1. Liebe Mareike,
    Vielen Dank für die Teilnahme an der Blogparade und für die ausführlichen Erfahrungen, die du teilst. Ich weiß es sehr zu schätzen, dass du so umfangreich dazu geschrieben hast. Das liefert viel Input und ich denke, dass wir alle von deinen Erfahrungen viel lernen können.
    Danke schön.
    Liebe Grüße,
    Renate

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