Monthly Archives: August 2015

17Aug/15

Mein erster Internet Sabbat

Anfang August haben wir eine Woche bei meinen Eltern verbracht. In dieser Woche war ich den ganzen Tag im Garten, habe Nepomuks Küche gestrichen, dem Kleinen beim Planschen zugeschaut und mit ihm im Sand gebuddelt. Wenn er geschlafen hat, habe ich gelesen – zum Beispiel das Buch „Ich bin dann mal offline“. Ein Buch über 30 Tage Onlineabstinenz. Rückwirkend kann ich sagen, dass sowohl die „Offline Zeit“ im Garten meiner Eltern, als auch die Offline Lektüre stark dazu beigetragen haben, meinen Internetkonsum zu überdenken.

In dem besagten Buch besucht der Autor einen Rabbiner und lässt sich von ihm den Sabbat erklären. Der Autor beschloss daraufhin einen Internet Sabbat einzulegen. Ob er es gemacht hat, weiß ich nicht, denn das Buch ist ja nun auch schon wieder fünf Jahre alt. Wichtiger war, dass ich mir vorgenommen habe, ab nun immer samstags auf das Internet zu verzichten. Und vergangenen Samstag, den 15. August, war es soweit: Ich war 24 Stunden offline.

Die Stunden vor dem Offline Modus

Ich muss zugeben, dass ich schon die ganze Woche mal mehr mal weniger absichtlich mein iPhone zuhause habe liegen lassen. Es waren die perfekten Sommertage, ich habe Elternzeit und sah mehr Sinn darin mit Nepomuk durch den Sand zu krabbeln und Burggräben zu bauen, als apathisch am Spielplatzrand zu sitzen und immer verstohlen auf mein iPhone zu schielen. So gesehen, war ich eigentlich schon gut auf den Samstag vorbereitet.

Die Stunden bevor ich mich in den Offline Modus begab, richtete ich mir noch eine Übersicht bei Feedly ein, in der ich alle für mich wichtigen Minimalismus Blogs auf einem Blick habe. Ein paar Mamiblogs sind auch noch dabei, mehr aber nicht. Möchte mich in nächster Zeit doch eher auf meinen Blog und aufs Schreiben konzentrieren. Nennt es selektive Wahrnehmung, aber gerade am Freitag ist mir der Blogpost von M21 aufgefallen, in dem sie schreiben, dass sie erstmal in den „Offline Modus“ gehen. Recht haben sie. J

Nach der Feedly Aktion habe ich noch mein Gmail-Postfach aufgeräumt. Ich war die Mailanzeige auf meinem iPhone leid. Dort stand wirklich eine rot hinterlegte 3.124. Ich hatte also 3.124 ungelesene Mails. Holy Shit. Aber am Freitag wollte ich keinen roten Punkt an irgendeiner App kleben haben, also musste ich aufräumen. Das ging sehr schnell. Ich habe einfach alles gelöscht, was nicht von meinem Freund war oder Mails die offensichtlich wichtig waren. Nach gut einer Stunde war ich bei 0 ungelesenen Mails angelangt. Es war mittlerweile 23:00 Uhr und ich bereit, meinen Rechner runterzufahren und das iPhone auszuschalten.

Ja, fuck! Den Apple Jünger erkennt man übrigens daran, dass er nicht weiß wie man das iPhone ausschaltet. Mein Freund hat es mir gezeigt und ich kam mir ehrlich gesagt etwas blöd vor. Naja, jetzt weiß ich es und kann es mir hoffentlich bis nächsten Samstag merken. 😉

Kaffee statt kaltem Entzug, Bügelbrett statt Newsfeed

Nepomuk weckte uns um 7:30 Uhr. Zu spät für Fitnessstudio oder Laufen. Also hieß es aufstehen. Normalerweise ist das iPhone das Dritte was ich am Morgen zu sehen bekomme: nach Nepomuk und meinem Freund. Dieses Mal nicht und ehrlich: Es hat mich nicht gejuckt. Nicht ein wenig. Ich hatte meinen Kaffee und das war das Wichtigste.

Statt Leere fühlte ich mich toll. Ich bereitete Nepomuk das Frühstück vor und ertrug den Abgesang meines Freundes auf die Eierbecher im Schweizer Design. Die fielen der Aufräumaktion vor einigen Wochen zum Opfer und liegen vielleicht jetzt noch auf dem Wertstoffhof. Hatte ich damals ja nicht gewusst, dass wir Nepomuk mal ein gekochtes Ei anbieten wollen. Er wollte es nicht und ich wusste, warum wir die scheiß Eierbecher weggeschmissen haben.

Nach dem Frühstück haben sich die beiden Männer wieder hingelegt und ich hatte so Bock auf bügeln. Der Wäschekorb quoll schon über und ich bügelte über eine Stunde lang – ohne Pause und ohne Ablenkung. Hätte ich mein iPhone in der Nähe gehabt, hätte ich sicher nach jedem zweiten Shirt und jeder dritten Hose auf Instagram geschaut, auf Facebook und vielleicht auf Twitter. Stattdessen bügelte ich und fragte mich, wie effizient wir Menschen wohl wären ohne diese ständigen Ablenkungen aus dem Netz. Ich habe zum ersten Mal verstanden, warum manche Unternehmen sich gegen die Freischaltung von Facebook oder anderen Seiten gewehrt haben. Aber wahrscheinlich wäre es ohne soziale Netzwerke nicht wirklich effizienter, denn wir finden ja immer was, um uns von den Aufgaben im Job abzulenken. Und Kaffee trinken mit Kollegen ist ja auch super. 🙂

Nach dem Bügeln war ich total fertig, aber stolz wie Bolle. Als Belohnung gönnte ich mir eine ausgedehnte Beauty Session im Bad – ohne Ablenkung. Pünktlich zum Ende meiner Beauty Session wurden die Herren der Schöpfung wieder wach. Nachdem dann alle gebadet und geduscht haben, ging es Richtung Spielplatz.

Keine Selfies auf dem Spielplatz

Der Samstag war ein Feiertag in München. Alles war ruhig und selbst auf dem Spielplatz war nichts los. Mein Freund hatte sich sicherheitshalber sein Surface mit eingepackt, nur für den Fall, dass er neben Sandburgen bauen und Sandspielzeug verteidigen Zeit gehabt hätte, Mails zu lesen.

Der Sandkasten war, wie der Rest des Spielplatzes kaum besucht. Also breiteten wir uns auf einer Seite aus und budelten, bauten Straßen oder Burggräben. Irgendwann hatte Nepomuk keine Lust mehr und wir gingen schaukeln. Das war übrigens die Zeit, in der mein Freund sich auf die Bank zurückzog und Mails checkte. Ich testete mit Nepomuk jedes Geräte auf dem Spielplatz und irgendwann war er einfach nur noch k.o. In der Zwischenzeit hatten sich andere an unserem Sandspielzeug bedient, weil der Papa lieber Mails las, als das Spielzeug zusammenzuräumen. Boah, und natürlich fehlte dann ein Förmchen. Nicht irgendeins, sondern das süße Seepferdchen Förmchen. Ich budelte wie eine Irre, aber ich fand es nicht mehr. Der Vater, der auf der Nachbarbank saß, dachte sich bestimmt auch, dass ich nicht mehr alle Latten am Zaun habe, aber das war mir egal. Naja, nach ein paar Minuten war mir klar, dass das Seepferdchen entweder in die Tiefen des Sandkasten abgetaucht ist oder es wurde gnadenlos von einem anderen abgefischt. Und so gingen wir weiter Richtung Glockenbachviertel. Wir wählten diesmal einen anderen Weg und liefen durch einen Park, den ich noch nie zuvor gesehen habe, obwohl er nur einen Steinwurf von meiner Joggingstrecke entfernt ist.

Im Glockenbach gab es wieder ein Straßenfest, diesmal feierte die Hanns-Sachs-Straße. Für uns war es leider zu voll und so richtig für Kinder ist das mit der lauten Musik und dem vielen Alkohol auch nichts. Früher wäre das für mich und meinen Freund perfekt gewesen. Schon nachmittags ohne schlechtes Gewissen Alkohol trinken – super. Aber als Eltern ist man doch irgendwie weiter. Und ich muss sagen: Mein neues Leben als Mutter gefällt mir sehr gut.

Weder auf dem Spielplatz noch bei unserem Spaziergang durch das Glockenbachviertel habe ich mein iPhone vermisst. Ich hatte nicht das Gefühl, dass ich irgendwas verpasse oder das ich wieder irgendwas posten muss. Nein, ich fühlte mich einfach frei.

Entschleunigt in den Samstagabend

Am späten Nachmittag waren wir wieder zuhause. Der Kleine fordert unsere volle Aufmerksamkeit und ich bin froh drum. Zu groß ist die Angst, dass in den Abendstunden so was wie Langeweile aufkeimt und ich doch noch schwach werde und mein iPhone anschalte. Doch stattdessen beschließe ich einen Kuchen zu machen. Es ist unser geliebter Raw Woodberry Cake. Nepomuk testete von seinem Kinderstuhl jeden einzelnen Produktionsschritt. Dank der Mischung aus Johannisbeeren und Heidelbeeren sah er nach dem Kosten der Füllung aus, wie aus einem Splatterfilm. Also holte ich die Kinderbadewanne, stellte sie in die Küche und ließ ihn baden, während ich alles aufräumte. Es klingt vielleicht verrückt, aber diese Zeit habe ich genossen. Ihn zu beobachten, wie er fast schon meditativ immer wieder das Wasser aus seiner Gießkanne über seine Hände rieseln ließ, war einfach so beruhigend.

Nach dem Bad drehte der Kleine noch mal richtig auf – bis 23 Uhr. Dann bin ich ins Bett gegangen und er zum Glück auch. Vorher hatte ich begonnen, dass Buch „Ohne Netz“ von Alex Rühle zu lesen. Er hat ein halbes Jahr offline gelebt und ein wirklich tolles Buch draus gemacht. Wieder ein Buch, dass mich bestärkt in meinem Denken, dass es auch manchmal ohne Internet geht.

Obwohl Nepomuk uns den ganzen Abend auf Trab gehalten hat, gehe ich doch glücklich und selig ins Bett. Das iPhone und das Macbook sind immer noch ausgeschaltet und ich habe keines von beiden wirklich vermisst.

Der Tag danach

Es ist Sonntag, es ist 6:30 Uhr, es regnet und „ES“ krabbelt über mein Gesicht. Mit „ES“ ist niemand geringeres als Nepomuk gemeint. Obwohl er wach ist, entscheide ich, joggen zu gehen. Das Wetter (ja, es regnet), ist perfekt und ich bin hochmotiviert. Zum Joggen schalte ich mein iPhone ein. Ich brauche meine Musik und mein Runtastic. Während des Laufens, fällt mir auf, dass es bei Runtastic eine neue Stimme gibt, die mir Entfernung, Geschwindigkeit und Zeit ansagt. Die neue Stimme gefällt mir gut, klingt irgendwie euphorischer als die alte, die eher Kategorie „Navi-Stimme“ war. Während des Laufens überlege ich dann die ganze Zeit, ob der Sprecher jede Zahl einsprechen muss. Ich schiebe dies Art der Gedanken auf meinen Internet Sabbat. Früher wäre mir das egal gewesen, aber heute interessiert es mich schon. Mein Freund wird mich am Abend darüber aufklären, dass der Sprecher nur bestimmte Zahlen einsprechen muss. Das beruhigt mich, hatte mir schon Sorgen gemacht, dass er seit Wochen bei Runtastic im Keller sitzt und Zahlen immer wieder sagen muss. 🙂

Nach dem Joggen bin ich glücklich. Ich setzte mich, vom Regen durchnässt auf das Sofa und beschließe auch heute auf mein iPhone zu verzichten. Ich schalte es aus (weiß ja nun wie es geht) und lege es in die Schublade zum Macbook, dass dort seit Freitag liegt. Dann geht es in die Dusche und danach räume ich die Wohnung auf, wische alle Böden, mache den Kuchen fertig und bereite Nepomuks Essen vor. Es geht mir so gut, wie lange nicht. Ich höre keine Musik, ich checke keine sozialen Netzwerke oder sinnfreien Internetseiten. Nein, ich bin zum ersten Mal seit langem im Hier und Jetzt. Und das fühlt sich verdammt gut an!

Alles Liebe

Mareike

 

08Aug/15

Maria Montessori über die Aufgabe der Eltern

In den letzten Tag habe ich das Buch „Kinder sind anders“ von Maria Montessori fertig gelesen. Das ich das Buch erst jetzt, nach dem es Monate im Bücherregal stand, gelesen habe, ärgert mich ein bisschen, denn es ist ein wahnsinnig interessantes und fesselndes Buch. Ich habe so viele Denkanstöße durch dieses Buch bekommen und muss sagen, dass es mich auch in Richtung meines Sohnes sehr beruhigt hat – ohne das ich sagen kann warum.

Das wir heute zwar in Sachen Erziehung und Eingehen auf Kinder weiter sind, als zu Zeiten von Maria Montessori mag sicher stimmen, aber das es heute immer noch Situationen gibt, die Maria Montessori damals bei den Eltern und generell Erwachsenen bemängelte, zeigt, dass wir noch lange nicht am Ziel sind. Continue reading “Maria Montessori über die Aufgabe der Eltern” »

07Aug/15

DIY: Eine Küche für Nepomuk

Vorher-Nachher KinderkücheVor einiger Zeit hatte ich darüber geschrieben, dass wir für Nepomuk zum Geburtstag eine Küche bauen wollten. Da wir nun für eine Woche Urlaub bei meinen Eltern verbringen, hatten wir genügend Zeit und Material, um die Küche zu bauen.

Mein Vater hat ein riesiges Depot an alten Schränkchen, Brettern, Hähnen, Rohren, Stangen und und und. Auf der einen Seite ist für mich als Minimalist diese Sammelleidenschaft schwer zu begreifen, auf der anderen Seite profitieren wir natürlich sehr von diesem Repertoire an nutzbaren Dingen. Continue reading “DIY: Eine Küche für Nepomuk” »

03Aug/15

Geh deinen Weg, mein Schatz, aber geh ihn in deiner Geschwindigkeit

Hilf mir es selbst zu tun

In gut einer Woche ist es soweit: Nepomuk wird EIN Jahr und verlässt damit offiziell die sehr aufregende und spannende Babyzeit. Die letzten Wochen waren sehr aufregend für mich, denn Nepomuk hat wahnsinnig viele Entwicklungsschritte gemacht. Da ich mich seit Monaten hinsichtlich der „Erziehung“ stark im Hintergrund halte, freut es mich natürlich umso mehr zu sehen, dass Nepomuk weder Anweisungen noch Anreize benötigt, um jeden Tag, jede Woche neue Dinge zu entdecken.

Ich habe heute ein tolles Zitat von Maria Montessori gefunden und ich finde es passt so super zu der Entwicklung der letzten Wochen und Monate und vor allem spiegelt es unser Mutter-Kind-Verhältnis wieder. War ich am Anfang noch sehr „frühfördernd“ unterwegs, so habe ich Anfang des Jahres erkannt, dass das überhaupt keinen Sinn macht. Ich habe mir Bücher von Emmi Pikler und Maria Montessori gekauft, bin Mitglied in verschiedenen Montessori- und Pikler-Gruppen bei Facebook geworden und habe mich für einen Pikler-Kurs angemeldet. Und je tiefer ich mich in die Konzepte einlas, umso überzeugter wurde ich von den Grundgedanken der beiden Frauen.

Beobachten statt animieren

Am Anfang hatte ich immer das Gefühl Nepomuk bespaßen zu müssen. Mit ihm zu spielen oder ihn zu unterhalten. Irgendwann habe ich gemerkt, dass ich das auf Dauer nicht schaffe. Immer um ihn herumzuschwirren wollte ich nicht und konnte ich nicht. Der Kleine war ca. vier Monate, als ich begann an solchen Konzepten wie PEKIP zu zweifeln und mich von der Illusion der allgegenwärtigen Mutter verabschiedete. Durch Zufall bin ich auf Maria Montessori und später auf Emmi Pikler gestoßen. Dort habe ich zum ersten Mal davon gehört, dass es wichtig ist, Kinder einfach nur zu beobachten und sie in ihrer vorbereiteten Umgebung konzentriert spielen zu lassen.

Ich habe es ausprobiert und war überrascht, dass sich Nepomuk auch mit sich selbst beschäftigen kann. Es gab dann Tage, da saß ich einfach nur am Boden habe Tee getrunken und eine halbe Stunde Nepomuk einfach nur beobachtet. Nur durch die Beobachtung ist mir aufgefallen, wie konzentriert der Kleine im Spiel ist. Er ist mittlerweile so vertieft, dass er gar nicht mitbekommt, wenn ich ins Zimmer komme oder an ihm vorbeigehe. Früher hätte ich ihm kurz gesagt, dass er so toll spielt oder das er etwas fein gemacht hat, heute verbiete ich mir jegliche Kommentare. Ich lasse ihn auch bewusst allein im Wohnzimmer spielen und mache in der Küche mein Ding. Wenn es zu still wird oder ich einfach mal nachschauen möchte, schleiche ich mich ran und spieke um die Ecke.

Was ich dann sehe, ist eigentlich immer das gleich Bild: Nepomuk sitzt mit irgendeinem Spielzeug da und redet vor sich hin, der Kopf ist dem Spielzeug zugewandt und für was anderes ist kein Interesse da. Es mag jetzt doof klingen, aber solche Momente machen mich glücklich. Sie zeigen mir, dass wir auf einem guten Weg sind. Nepomuk fühlt sich nicht allein, wenn er allein im Zimmer ist. Manchmal glaube ich sogar, dass er sehr froh ist, wenn die Mutti mal nicht um ihn herumschwirrt. Ich denke auch nicht, dass ich Nepomuk irgendeiner Gefahr aussetze, wenn ich ihn alleine im Raum lasse. Wir haben keine Gefahrenherde wie offene Steckdosen oder Blumen oder Dinge, die er runterziehen könnte und durch unser Ausmisten im Frühjahr haben wir viel Platz für ihn geschaffen.

Das Vertrauen wächst mit

Ich war in vielen Babykursen und Stilltreffs und dabei habe ich oft Mütter erlebt, die ihre Kinder als kleine Dummerchen behandelt haben. Natürlich haben sie es nicht böse gemeint, aber sie haben entweder den Kindern vorgemacht, wie sie zum Beispiel krabbeln und Höhen überwinden können oder sie haben sie von Selbstversuchen abgehalten, um ihnen ein Fallen zu ersparen.

Durch das Lesen und vertiefen in die Montessori/Pikler-Konzepte habe ich gelernt Vertrauen in Nepomuk zu haben. Je mehr ich mich als „Entertainer“ und „Trainer“ zurückgezogen habe, desto stärker wurde mein Vertrauen in ihn. Und für mich gibt es seitdem immer wieder Momente, wo ich einfach immer nur sagen kann: Ja, er weiß wie es geht. Ich muss ihm nur die Zeit und den Raum geben, dass er sich testen kann.

So hat Nepomuk ganz allein verstanden, wie er niedrige Höhen überwindet und wie er größere Höhenunterschiede schafft. Das er geringe Höhen mit den Händen ertastet und dann mit dem Kopf zuerst nach unten geht, hat er schnell rausbekommen. Das er bei Höhen wie vom Bett runtersteigen oder Treppen runterkrabbel zuerst die Beine absetzten muss, hat er nach einiger Zeit allein rausgefunden – ohne das ich es ihm irgendwie zeigen musste. Sicher lernen Kinder es früher, wenn man es ihnen zeigt, aber das kann nicht der Sinn des Lebens sein. Kinder müssen aus meiner Sicht selber ihre Erfahrungen machen, das geht aber nur, wenn wir ihnen Zeit lassen.

Der innere Zeitplan

Entgegen meiner frühen Denkweise, dass Kinder schon in den ersten Wochen und Monaten gefördert werden müssen, bin ich jetzt der Meinung, dass es für die Kinder besser und nachhaltiger ist, wenn sie selbst über die Geschwindigkeit ihrer Entwicklung entscheiden. Ich sehe jeden Tag wie Nepomuk sich entwickelt. Oft sind es nur kleine Schritte, aber die fügen sich wie von selbst in ein Gesamtbild, was oft in der „fördergetriebenen Zeit“ übersehen wird. Nepomuk lernt von allein Dinge in einander zu stapeln und macht das mit einer Hingabe, dass er manchmal nichts anderes zu spielen braucht, als die einfachen Stapelbecher, die ich vor Weihnachten bei dm gekauft habe.

Seit circa zwei Wochen räumt er nun mehr nicht nur sein Zeug aus, sondern auch wieder ein. In den Babykursen stehen oft leere Flaschen in Getränkekästen, die die Kinder dann rausziehen. Letzte Woche ist mir das erste Mal aufgefallen, dass Nepomuk die Flaschen nicht nur ausräumt, sondern wieder einräumt. Mir geht bei solchen Beobachtungen das Herz auf, weil ich sehe, dass er von alleine wieder etwas gelernt hat und das dies sicher wieder eine Basis für andere Schritte ist.

Von freien Schritten ist er hingegen noch weit entfernt, ebenso vom freien Stehen. Das ist für uns aber völlig in Ordnung. Zur Taufe haben wir einen Lauflernwagen von HABA geschenkt bekommen. Der stand monatelang nur im Wohnzimmer, bis Nepomuk irgendwann anfing Stühle, Wäschekörbe und Kartons durch die Wohnung zu schieben. Irgendwann entdeckte er den Lauflernwagen, erst saß er nur daneben und fuhr immer wieder hin und her, schaute sich die Räder an, dann kletterte er auf den Wagen und irgendwann erkannte Nepomuk, dass er den Wagen auch schieben kann. Das alles hat sich über zwei Wochen gestreckt, wir haben ihm nicht gezeigt, wie er mit dem Lauflernwagen vorwärts kommt, sondern einfach alles auf uns zukommen lassen.

So handhaben wir es auch mit dem Stehen und Laufen. Wenn ich manche Kinder sehe, die von ihren Eltern geführt werden, so sieht man, dass die Kinder gar nicht schauen, wo sie hinlaufen. Sie verlassen sich vollkommen auf die Eltern und das immer jemand da ist, der sie auffängt, wenn sie stolpern. Ich selbst merke die „falsche Sicherheit“, wenn ich Nepomuk zu oft stütze. Er wird dann nachlässig und passt nicht mehr auf. Es dauert dann immer etwas, bis Nepomuk sich dann wieder bewusst wird, dass er eigentlich schon gut stehen und sich festhalten kann. Ich möchte, dass Nepomuk sich bewusst wird, dass nur er entscheiden kann, wann er bereit für das Stehen und Laufen ist. Ich persönlich habe keine Eile was diese Schritte anbelangt. Ich vertraue Nepomuk absolut und ich glaube die Freude ist umso größer bei ihm, wenn er es aus eigener Kraft schafft.

Das erste Babyjahr mag nun bald rum sein, aber der Kleine wird noch soviel lernen, sehr oft Dinge das „erste Mal“ tun und immer wieder vor Herausforderungen stehen. Ich kann meinem Sohn das Leben nicht vorleben oder ihm Erfahrungen ersparen, aber ich kann ihn immer begleiten und ihm das Gefühl geben, dass ich immer an ihn glaube.

Und somit schließe ich den Beitrag nochmals mit dem Zitat von Maria Montessori:

„Hilf mir, es selbst zu tun. Zeige mir, wie es geht. Tu es nicht für mich. Ich kann und will es allein tun. Hab Geduld meine Wege zu begreifen. Sie sind vielleicht länger, vielleicht brauche ich mehr Zeit, weil ich mehrere Versuche machen will. Mute mir Fehler und Anstrengung zu, denn daraus kann ich lernen.“

02Aug/15

Mein Weg zurück zur Einfachheit

„Das Siegel der Wahrheit ist die Einfachheit.“

Hermann Boerhave

Vor uns liegt eine Woche Urlaub bei meinen Eltern. Noch bis vor einigen Jahren war das für mich undenkbar! Meinen Urlaub in einer 5000-Seelen-Stadt irgendwo zwischen Chemnitz und Leipzig. In einer Stadt, in der die Läden am Samstag um 11:00 Uhr schließen und bei der jeder den Bürgermeister noch persönlich kennt. Tja, und nun sitze ich hier im Garten meiner Eltern und genieße diesen „spießigen“ Urlaub. Ich genieße die Ruhe, die Abkühlung unter den Bäumen und schaue Nepomuk beim spielen im Gras zu.

Dieser „Familienurlaub“ ist für mich die konsequente Fortsetzung eines Lebenswandels, den wir im Januar eingeleitet haben. Ursprünglich wollte ich eigentlich nur 30 Tage vegan leben und ein paar Kilo verlieren. Daraus wurden dann tiefgründige Diskussionen mit meinem Freund um unsere Zukunft, das geweckte Interesse zum Minimalismus und die damit verbundene intensive Beschäftigung mit meinem Konsumverhalten. Hinzu kommen die wachsende Naturverbundenheit und das Einlesen in die Konzepte von Emmi Pikler und Maria Montessori.

Auch wenn ich nicht glaube, dass nur die Geburt von Nepomuk mich so nachhaltig im Denken und Handeln verändert hat, bin ich doch sicher, dass sie einen erheblichen Beitrag geleistet hat. Selbst jemandem wie mir, der die Unverbindlichkeit und Schnelligkeit der heutigen Zeit immer gepriesen hat, wurde spätestens in den ersten Lebenswochen von Nepomuk bewusst, dass diese doch stark egoistische Denkweise so nicht weitergehen kann.

Als ich 3 Monate nach der Geburt von Nepomuk den New York Marathon lief, war das irgendwie eine Wendung in meinem Leben. Wenn ich ohne Training und ohne Vorbereitung 42 Kilometer schaffe, dann kann ich eigentlich auch eine Wendung in meiner Lebensweise schaffen.

Und so fing ich im Januar mit der veganen Ernährung an und strich Dinge wie Weißmehl oder industriellen Zucker aus meinen Lebensmitteln. Mir ging es sofort körperlich besser und auch der Gemütszustand besserte sich merklich. Ich las viel über vegane und reine Ernährung. Irgendwann kam der Schwenk zum Minimalismus. Wenn es mir gelingt in der Ernährung auf überflüssige Dinge wie Zusatzstoffe oder Geschmacksverstärker zu verzichten, dann muss das doch auch in anderen Teilen des alltäglichen Lebens möglich sein.

Mein Freund brachte mich auf das Thema Reduktion und nach dem ich ein Interview mit der Autorin von „Buddha räumt auf“ gelesen habe, war ich sicher im Minimalismus mein Glück zu finden. Ich fing an auszumisten und mit jedem Gegenstand der unsere Wohnung verließ fühlte ich mich besser. Unser Wohnzimmer war nicht mehr chaotisch, sondern nun sauber strukturiert und aufgeräumt. In einem Buch von Maria Montessori habe ich gelesen, dass Kinder eine strukturierte Umgebung benötigen und das es zu vermeiden sein, das Kind mit einem „zuviel an allem“ zu überfordern.

Das Leben und der Konsum wurde in den letzten Wochen und Monaten überschaubar. In Zeiten von grenzenlosem Konsum und der 24/7 Mentalität ist ein überschaubares Leben doch schon ein gewisser Luxus. Jedenfalls geht es mir super damit. Und so sitze ich hier im Garten meiner Eltern in einem kleinen Städtchen und genieße einfach nur die Zeit mit meinem Freund, mit Nepomuk und meinen Eltern und den Eltern von Stefan, die zurzeit auch hier sind. Es ist alles so entspannt, ich habe Erdbeerflecken auf meiner Hose, keine Schuhe an, das WLAN funktioniert nicht im Garten und Nepomuk verzichtet auf Windeln und Body, weil es so schön schattig im Garten ist. Es ist alles so überschaubar hier: Kein All-Inclusive, keinen Drang jeden Abend in irgendein Restaurant zu gehen oder irgendwelche Sehenswürdigkeiten anzuschauen. Ich sitze zum ersten Mal einfach nur auf der Hollywood-Schaukel und genieße die Zeit des Nichts tun. Ich fühle mich glücklich an einem Ort, den ich vor Jahren meist nur an wenigen Wochenenden im Jahr und an Weihnachten aufgesucht habe. Ein dauerhaftes Landleben kann ich mir zwar immer noch nicht vorstellen, auch wenn ich den Selbstversorgergarten von meinen Eltern so toll finde, aber für glückliche und stressfreie Tage ist es wirklich super.

Der Tag war heute wundervoll und die nächsten Tage werden super. 🙂